Margot Käßmann: "Die Welt ist kein Kloster"

Margot Käßmann im Garten des Otto-Niemeyer-Holstein-Ateliers Margot Käßmann im Garten des Otto-Niemeyer-Holstein-Ateliers

Ich traf die ehemalige Landesbischöfin von Hannover und ehemalige Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) im Sommer 2018 im Garten des Otto Niemeyer Holstein-Ateliers zwischen Koserow und Zempin. Sie besitzt seit sieben Jahren ein Haus auf Usedom, ihre Wahl eines Zweitwohnsitzes fiel nicht ganz zufällig auf Usedom, aber davon später.
Die Formulierung der Überschrift stammt sinngemäß aus einem ihrer zahlreichen Bücher und symbolisiert ihr ganz spezifisches Verständnis von Kirche: Sie darf sich aus den Konflikten dieser Zeit nicht heraushalten, sich nicht in die (religiöse) Isolation begeben.
Diese Gefahr bestand bei Margot Käßmann zu keiner Zeit. Nach einem Jahr als Austauschschülerin in den USA ließ sie die internationale Ebene nie mehr los. Durch einen Studienaufenthalt in Edinburgh, eine Reise nach Israel oder schließlich 1983 als junge Frau die Wahl in den Ökumenischen Rat der Kirchen (ÖRK, auch Weltkirchenrat genannt) und darauf folgende Reisen in zahlreiche Länder hat sie den globalen Blick verinnerlicht. Naturgemäß verlief diese Zeit nicht konfliktfrei, denn in nur wenigen Weltreligionen haben sowohl die Stellung der Frau wie auch die Toleranz gegenüber „Andersgläubigen“ einen solchen Stand wie in der Evangelischen Kirche in Deutschland.
Von hier bis zu den aktuellen gesellschaftlichen Themen ist es bei unserem Gespräch nur ein kleiner Schritt.
Margot Käßmann hat noch eine Zeit erlebt, in der es Grenzkontrollen z.B. auch nach Frankreich gab. Umso größer ihr Glücksgefühl, dass nicht nur diese, sondern später auch die Grenz-Schranken in Richtung Osten fielen. „Dann konnte ich endlich am Strand ungehindert nach Swinemünde laufen“, freut sie sich. Erst dadurch wurde die Kenntnis anderer Länder, anderer Kulturen, wesentlich erleichtert.
Nun, angesichts gegenläufiger Tendenzen lässt sie in ihrem Urteil keine Deutlichkeit vermissen. „Nationalismus ist eine Tragödie, ist ein Phänomen des 19. Jahrhunderts.“ Den gegenwärtig wachsenden Drang vieler Menschen nach einer starken Führungspersönlichkeit an der Spitze des eigenen Staates sieht sie aber begründet – in einer Sehnsucht nach Sicherheit. Die nötige Vielfalt der Welt erfordere jedoch eine ganzheitliche Denkweise, die für viele schlicht zu anstrengend sei.
Leider gebe es auch in unserem Land Kräfte, die hier ganz bewusst mit dem Feuer spielen und Hass provozieren und darin sogar eine tiefe innere Genugtuung fänden. Dem Geist der Kirche, der Nächstenliebe, ist ein solches Verhalten diametral entgegengesetzt.
Hier kommt ihr großes Vorbild Martin Luther King zu Wort, der zwar konsequent gegen das „Böse“ eintrat, aber nicht gegen „böse Menschen“. „Meinen Hass bekommt ihr nicht“, zitiert sie einen Franzosen, dessen Frau bei einem islamistischen Anschlag ums Leben kam.
Natürlich müssen, um beim Thema zu bleiben, Zuwanderer lernen, dass in Deutschland Mann und Frau gleichberechtigt sind, dass es ein Recht auf gewaltfreie Erziehung gibt. Margot Käßmann kann sich nur wundern, wenn Frauen eine solche herablassende und ungleiche Behandlung akzeptieren.

Das Haus auf Usedom, in einem der Bernsteinbäder in der Inselmitte, suchte und fand sie zufällig im Internet. Ein wichtiges Kriterium war die Nähe zur und die Ähnlichkeit mit der alten Heimat ihrer Mutter bei Köslin (heute polnisch Koszalin) an der Ostsee. Die Ähnlichkeit ist vorhanden, und dazu kam noch ein Gefühl des Akzeptiertwerdens, auch als Zugezogene aus dem Westen, was nicht überall konfliktfrei verläuft.
Natürlich hat sie die Insel erkundet, auch viel per Fahrrad zusammen mit ihren Töchtern. Dabei gefällt ihr besonders die Ruhe und Abgeschiedenheit, die man hier trotz der zahlreichen Urlauber an vielen Stellen finden kann.
Und noch etwas ist ihr aufgefallen: Der Zusammenhalt in der Gemeinschaft vor Ort wird gepflegt und ist deutlich sichtbar, und er funktioniert auch im Winter, wenn wenig Touristen da sind. Nachbarschaftshilfe ist selbstverständlich, wie ihr 60. Geburtstag zeigte, den sie auf Usedom feierte.
In ihrem neuesten Buch blickt Margot Käßmann vorsichtig voraus. Seit kurzem ist sie im Ruhestand. Was in fünf oder zehn Jahren sein wird, weiß sie nicht und sie plant deshalb nichts. Ganz ohne Engagement zu sein, würde ihrem Naturell und ihrem gesamten Lebensweg widersprechen. Nach wie vor ist sie als Kolumnistin gefragt oder wird zu medialen Gesprächsrunden eingeladen.
Besonders erwähnt sie ihr gegenwärtiges Engagement für die Deutsche Stiftung Weltbevölkerung. Hier soll besonders jungen Frauen in Afrika geholfen werden, in Fragen der Bildung und der Verhütung. Prinzip ist dabei die Hilfe zur Selbsthilfe. Es sollen Strukturen geschaffen werden, die den Frauen vor Ort helfen können.

Margot Käßmann sieht ihre Herkunft aus „normalen“ Verhältnissen (Vater Handwerker, Mutter Krankenschwester) als beste Voraussetzung dafür, dass sie mit allen Menschen eine gemeinsame Sprache sprechen kann. Soziale Sicherheit für alle, Frieden, Gesundheit, Gleichberechtigung der Frau – das sind ihre Grundüberzeugungen, die nicht zuletzt im internationalen Wirken gewachsen sind. Nicht immer hat sie sich innerhalb und außerhalb der Kirche damit Freunde gemacht. Nun sieht sie im „Ruhestand“ neuen Herausforderungen entgegen, deren Umfang sie aber selbst bestimmen kann.

Foto: © Rainer Höll

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