Essen und Trinken Usedom DDR-Zeit

„Preiswert, reichhaltig und volle Häuser!“

Ab den 1950er Jahren wandelten sich wiederum Gastronomie, Küche und Essgewohnheiten in den vorpommerschen Kreisen des DDR-Bezirkes Rostock. Neue Gerichte verbreiteten 1945 schlesische und ostpreußische „Umsiedler“. Bald darauf folgten zugewanderte Arbeitskräfte und allsommerliche Urlauber aus Berlin, Sachsen, Thüringen und Mitteldeutschland mit ihren Lieblingsspeisen. Dem Thüringer verdankt der Usedominsulaner das Grillen von Rostbratwurst und Rostbrätl über Holzkohle, wobei der Berliner im Urlaub keinesfalls auf Eisbein, Hacksteack oder gebratene Schweineleber verzichten konnte.

Die Gastronomie, eingebunden in staatliche Wirtschaftspläne, lag in Verantwortung von Handelsorganisation (HO) und Konsumgenossenschaft (KG). Die Versorgung mit Grundprodukten und Lebensmitteln richtete sich nach den im Land vorhandenen Ressourcen, ergänzt durch RGW-Importe. Seltene Gewürze, Exotisches, EU-Waren, Südfrüchte und Kaffee kosteten wertvolle Devisen und standen in der Regel auf westlichen Embargolisten. Folgerichtig konzentrierte sich die Landwirtschaft auf einen intensiv betriebenen Anbau von Kartoffeln, Getreide, Mais, Zuckerrüben, Kohl, Hülsenfrüchten, heimischen Obstsorten, Hopfen und Tabak. Die volkseigenen Lebensmittelkombinate verarbeiteten Geflügel, Fisch, Schwein und Rind.

All das schränkte die Vielfalt der Gerichte zwar ein, forderte aber die Kreativität der Köche geradezu heraus. In der Regel gehörten zu den Angeboten der Gaststätten Braten vom Schwein und Rind, Kassler, Rinder- und Kohlroulade, Schnitzel, Boulette, Kochklops, Wiener Würstchen mit Kartoffelsalat, Geflügelfleisch, Ragout fin, Steak, Kartoffelsuppe mit Bockwurst oder Klare Fleischbrühe. Aus Küchen der „befreundeten Länder“ wurden Szegediner Gulasch, Steak mit Letscho, Palatschinken (Ungarn), Soljanka (SU/Bulgarien), Bigos, Fleischtaschen (Polen), Böhmische Knödel (CSSR) und Bohnentopf (Jugoslawien) übernommen.

Die speziellen Ostseefische Zander und Aal suchte der Gast oft vergeblich, konnte sich dafür aber zwischen Brathering, Ahlbecker Heringssalat, Flunder und Makrele entscheiden. Makrele trug den Beinamen „DDR-Volksfisch“, Aal dagegen zählte zur Kategorie „Bückware“. Die beständigsten Beilagen in Vorpommern blieben wie in der Vergangenheit Kartoffelvariationen und Kohl.

Trotz verschiedener Preisstufen (I-S+200) entsprechend der Restaurantausstattung und dank staatlicher Subventionierung war die Inanspruchnahme der DDR-Gastronomie eine sehr preiswerte Angelegenheit. Zulieferengpässe, ständiger Personalmangel besonders in den Urlaubsregionen der Ostsee und materielle Probleme konnten deshalb nicht ausbleiben. Den berechtigten Forderungen der Bevölkerung nach Kapazitätserweiterungen versuchten die verantwortlichen Ministerien Rechnung zu tragen durch öffentliche FDGB-Heimgaststätten, Tanzgaststätten, Discotheken, Klubhäuser, Jugendklubs, Selbstbedienungsgaststätten sowie gehobene Interhotelrestaurants.

Das Ahlbecker „Haus der Erholung“, die SB-Gaststätte an der Grenze oder die Restaurants im Zinnowitzer Heim „Roter Oktober“ waren Ergebnisse damaliger Gastronomiepolitik. Gleichzeitig zur Erweiterung der Intershops sowie der Eröffnung von Delikatläden konnten auch Privatgewerbe im Gaststättensektor beantragt werden. Demzufolge hatten auf Usedom das „Eiscafe Wenisch“, der „Banneminer Krug“, die erste „Pizzeria“ in Ahlbeck oder die Gaststätte „Wildpark“ enormen Zulauf. Eine weitere Entlastung für die Gaststätten leitete der beschleunigte Bau von Promenadenkiosken ein. Dort konnte der Urlauber im Trend des Fast-Food seinen kleinen Hunger stillen. Er verzehrte in Massen die seit 1950 überaus beliebte Bockwurst, Fisch- und Fleischbouletten, Bratwurst und den Goldbroiler, ein speziell in der DDR gezüchtetes Hähnchen.

1988 gaben die DDR-Bürger 38,2 Milliarden Mark für Nahrungsmittel und 23.3 Milliarden Mark für Genussmittel aus, also pro Kopf monatlich 307 Mark, was rund einem Drittel des durchschnittlichen Bruttoeinkommens entsprach. Ganz anders als in der Vergangenheit Pommerns änderten sich drastisch die Trinkgewohnheiten, vor allem wurde immer mehr getrunken und am meisten im Urlaub. So steigerte sich der Bierkonsum bis 1988 auf 146 Liter pro Kopf, wobei das regionale Greifswalder Bier dem „Radeberger“, „Hasseröder“ und „Berliner“ qualitätsmäßig hoffnungslos unterlegen war, was diesem auch den Schimpfnamen „Boddenbrühe“ einbrachte. Für die Getränkekombinate, sei es bei Limonade, Club Cola, Selters oder Bier, galt die Sommerreisezeit als kapazitätsüberschreitender Hauptfeind. Die alkoholisch hochkarätigen Sorten „Nordhäuser Korn“, „Richtenberger“, „Cottbuser“, „Goldkrone“ oder „Schilkin Wodka“ gab es in unterschiedlichen Varianten mehr als reichlich. Weine lieferten überwiegend Ungarn und Bulgarien. Den legendären „Rosentaler Kadarka“ suchte der Genießer in der Saison jedoch genauso vergeblich wie Rotkäppchensekt.

Text: Dietrich Gildenhaar

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