Essen und Trinken Usedom 12. - 17. Jh.

„Deutschen Speisen wohl gesonnen!“

Die Gründung des Klosters Stolpe an der Peene (1153) sowie des Bistums Cammin (1188) waren entscheidende Meilensteine auf dem Weg zum pommerschen Herzogtum. Zugewanderte Mönche als Verkünder der „Worte Gottes“ veränderten grundlegend den Alltag der seit 1128 missionierten Slawen. Gebete, Kirchgang und Tage der Lobpreisung erzwangen eine geregelte Einnahme der Mahlzeiten oder das fleischlose Essen während der Fastenzeit. Die Glaubensbrüder eigneten sich das Recht über Felder, Wälder und fischreiche Gewässer im Klostergebiet an, wobei die Bischöfe außerdem eine Abgabe an Brotweizen einforderten. Diese Vorgehensweise sicherte Stolpe, Cammin sowie den bald nachfolgenden Usedomer Klöstern Grobe, Krummin und Podglowe (Pudagla) das Monopol über wichtige Grundnahrungsmittel. Als größte Leistungen der Klöster sind das Anpflanzen veredelter Obstsorten, das Anlegen von Kräuter- und Heilkräutergärten, eine planmäßige Bevorratungswirtschaft und die Einführung von Weinreben zu bewerten.

Durch die Salzgewinnung aus der Sole im „Greifen Wald“ (Greifswald) beim Kloster Hilda (Eldena) ab 1199 erlangten die Speisen nicht nur eine neue Qualität der Würzung, sondern Fleisch, nachfolgend auch Fisch, konnten für längere Zeit konserviert werden. Nachdem sich die pommerschen Herrscher zu Untertanen des Heiligen Römischen Reiches erklärt hatten, begann die Einwanderung deutscher Siedler. Als Träger des modernen westeuropäischen Feudalsystems waren sie den Ureinwohnern in allen Belangen überlegen. So erzielte der Bauer durch Einführung der Dreifelderwirtschaft und des Bodenwendepfluges ein Mehrfaches an Erträgen im Vergleich zum slawischen Nachbarn.

Auf den aus Fachwerk erbauten Familienhöfen der Reihendörfer gediehen Hausschwein, Kuh, Rind, Ochse, Schaf, Ziege und Federvieh. Regionale Gemüse- und Obstsorten ließen sich in den bedarfsorientierten Hausgärten bestens veredeln. In der vom Backofen beheizten Küche aß man gekochte Eier, Spiegeleier, Rühreier, Schmalz, Speck, Räucherschinken, Gemüsesuppen, Milchsuppe, Linsensuppe, Wurst in Naturdärmen, Schweinebraten, Sauerfleisch und viel Brot je nach Art der Ursprungsheimat. Fischgerichte wurde von den Slawen übernommen. Vorratskammern, Keller und Scheunen schützten Nahrungsmittel, unabhängig von der Jahreszeit, vor dem Verderb. Die Wetterbeobachtungen beider Kulturkreise schlugen sich nieder in „Bauernregeln“ als frühe Art der Planung von Saat und Ernte. So heißt es in Überlieferungen: „Vor Johannes bitte um Regen, nachher kommt er ungelegen. Gibt es im Juni Donnerwetter, werden Roggen und Gerste fetter!“ oder „Fällt der erste Schnee in den Kot, gibt es große Not!“.

Ob in den altwendischen oder neudeutschen Dörfern, überall profitierten die Bauern des 13. Jahrhunderts vom Ausbau der nun deutschen Städte. In Wolgast, Usedom, Greifswald und Anklam herrschte ein schier unerschöpflicher Bedarf an landwirtschaftlichen Rohstoffen, welche die entsprechenden Zünfte zu Lebensmitteln verarbeiteten und gegen Geld weiterverkauften. Der Vorläufer eines Lebensmittelgeschäftes war die „Fleischtheke“. Kaufleute zogen durch das Land, um Teller, Löffel, Töpfe und Messer feilzubieten. Auf den regelmäßig stattfindenden Märkten erwarben die Bauern ihrerseits Tuche, Salz oder seltene Gewürze.

Um 1250 etablierte sich in den Städten die Bierbrauerzunft. Das Gasthaus als Beherbergungs- und Speiseeinrichtung nutzten Einwohner und Reisende gleichermaßen. So verweist Neukrug, heute Ortsteil von Heringsdorf, auf den „Neuen Krug“ als Gründung des Rittergeschlechts derer von Nienkerken auf Mellenthin. Bier, gebraut aus Gerste, war damals das nahrhafteste Getränk. Dessen Reinheit, peinlichst kontrolliert, richtete sich nicht nach dem Alkoholgehalt, sondern nach dem im Malz vorhandenen Zuckeranteil. Beim Überprüfen schütteten die Zunftmeister das Bier auf eine Holzbank und setzten sich in die nasse Pfütze. Klebte die Bank an der Hose fest, war das Bier von gebotener Qualität. Bis zur Gründung industriell betriebener Brauereien im 19. Jahrhundert hatten Dutzende städtische Brauer ihr Auskommen. Damals kreierte ein findiger Wirt die Biersuppe als schmackhafte Mixtur aus Bier, Milch, Salz und süßen Früchten. 1779 merkte Preußenkönig Friedrich II. dazu an: „Übrigens sind Seine Majestät höchstselbst in deren Jugend mit Biersuppe erzogen…“.

Ein großes Ereignis dürfte in den vor Schmutz trotzenden Städten die Eröffnung von Badestuben gewesen sein. Bürger beiderlei Geschlechts in trauter Gemeinsamkeit frönten dem Genuss des heißen Wassers einhergehend mit dem Verzehr von Brathuhn, Kochfleisch, Wein und Obst. Die Wolgaster Herzöge verlangten von ihren Untertanen zum eigenen Wohl immer umfangreichere Mengen an Nahrungsmitteln zwecks Versorgung des Hofstaates. Der Fernhandel führte den Schlossküchen Auserlesenes zu, so Weine aus Burgund und Muskatnüsse. Über den bedeutendsten Pommernherzog Bogislaw X. schrieben die Chronisten, dass er sich an tüchtigen Trinkgelagen erfreue und dem Weidwerk huldige. Die „Gesellschaft“ jagte Hirsch, Hase, Fasan, Auerochse, Wildschwein, Trappe, Kranich, Igel, Eichhörnchen und Drossel. Besonders schmackhaft soll Fasan gewesen sein, der mit Speckscheiben umbunden, in heißem Fett eine Stunde lang gebraten wurde. Stand der nächste Gang an, hoben Knechte die Holztafel hoch, trugen sie hinaus, um sie durch eine neue, voll gestellt mit Essen, zu ersetzen. Daraus leitete sich das geflügelte Wort, „Die Tafel aufheben!“ ab.

Dem ausufernden Leben der Adligen wollten die Klostermönche in Pudagla nicht nachstehen. Wasser und Brot predigend, ließen sie es sich wohl ergehen mit gepökeltem Hering, knusprig gebratenen Hühnchen, klarer Brühe, Ferkel vom Spieß, Mehlsuppe und frischem Brot. Maßlose Steigerung der Abgaben, Kriege, Missernten, die verheerende Pest und die Leibeigenschaft 1616 ruinierten den pommerschen Bauernstand. Neben der Landwirtschaft war die Fischerei in Haff, Lassanschen Wasser (Achterwasser) und Peenestrom der zweite wichtige Wirtschaftszweig auf der Insel Usedom.

Nach der Haffordnung von 1495 standen dem Herzoghaus der „Herrenfisch“ Wels, Stör, Karpfen, Lachs, und der dritte Teil der übrigen Fänge zu, inbegriffen der Aal des „Aalbaches“. Damit dieser nach dem Fang frischgewichtig blieb, legten ihn die Fischer an der Bachmündung in eine vom Wasser durchflossene „Aale Kiste“. Unweit der Stelle bauten Siedler 1700 die ersten Häuser des späteren Dorfes Ahlbeck. Das Herzogtum Pommern verglichen Zeitgenossen wegen der außergewöhnlichen Fischvielfalt häufig mit dem Reichtum sächsischer Erzbergwerke. Eilhard Lubin stellte in seiner „Beschreibung des Pommernlandes“ 1611 fest: „Für allen Dingen aber hat Pommern den Preiß und Ruff von vielen guten Fischen, welche sowohl im Saltzten Meer, als in frischen, fließenden Ströhmen, Bächen, stehenden Seen und Teichen gefangen werden, dass ich kühnlich schreiben will, dass kein Land oder Fürtsenthum im ganzen Römischen Reich Teutscher Nation sey, welches sich Pommern an Vielfalt und mannigerley Art, den etliche sagen dürfen, dass in Pommern über Siebenziegerley Fische zu finden, guter wohlschmeckender Fisch vergleichen könnte.“

Text: Dietrich Gildenhaar

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