Gespräch mit Petra und Andreas Schmidt-Schaller

Petra und Andreas Schmidt-Schaller Petra und Andreas Schmidt-Schaller

Die Veranstaltungsreihe "Klassik am Meer" hat sich in den letzten Jahren als fester Bestandteil des Kulturprogramms auf der Ostsee-Insel Usedom etabliert. Die evangelische Kirche im Ostseebad Koserow bietet die passende Atmosphäre für Theateraufführungen, Konzerte und Lesungen.

Noch vier Stunden bis zum Auftritt, doch die beiden Schauspieler – Vater und Tochter - plauderten ganz entspannt in der Nachmittagssonne auf einer Bank vor der Koserower Kirche, die Fotos waren schon im Kasten. Fragen über den Beruf, der wohl einer der am meisten beachtete in der Gesellschaft ist, prägten den Beginn unseres Gesprächs Ende August, als Petra und Andreas Schmidt-Schaller zu einer Lesung im Rahmen von „Klassik am Meer“ in Koserow weilten.

Schauspieler war der Wunschberuf des Vaters, durch kurzen Blick in andere Branchen nur noch bestärkt. Tochter Petra dagegen, eigentlich abgeschreckt durch die vielen Schauspielerkontakte im Elternhaus, entdeckte erst im Austauschjahr 1998 in den USA ihre, wie sie heute sagt, „Sucht“ nach dem Schauspielberuf. Beide begannen nach dem Studium am Theater und sehen das noch heute als Überzeugung statt Notwendigkeit. „Theater ist ein tolles Geschenk, die Unmittelbarkeit, die sofortige Reaktion des Publikums ist das beste Echo auf die eigene Leistung“, formuliert es Andreas Schmidt-Schaller für seine Tochter mit. Die provokante Frage, wie die Wahl bei gleichzeitigem Angebot einer Hauptrolle im Theater und im Film ausfallen würde, beantworteten sie salomonisch: „Es kommt drauf an“, nämlich auf die größere Herausforderung. „Am besten beides“, fügte Andreas Schmidt-Schaller schalkhaft hinzu. Er ging nach den Theaterstationen Karl-Marx-Stadt und Magdeburg 1980 schließlich als freier Schauspieler nach Berlin, wo er vor allem als Ermittler im „Polizeiruf“ bekannt wurde. Heute ist er aktuell in der SOKO Leipzig präsent, spielte in den letzten Jahrzehnten in verschiedenen Filmen und Serien.

Petra Schmidt-Schaller zählt seit Abschluss ihres Schauspielstudiums 2005 zu den größten Neuentdeckungen in Deutschland, spielte schon als Studentin die „Julia“ am Nationaltheater Weimar. Dünkel ist dennoch ein Wort, bei dem sie verständnislos die Stirn runzeln würde. Wie selbstverständlich setzte sie sich während des Gesprächs auf den Rasen, um den Interviewer besser im Blick zu haben. Sie, die in ihrem Alter, wie Andreas Schmidt-Schaller mit Nicken bestätigt, schon mehr erreicht hat als ihr Vater damals, geht sehr kritisch mit dem Begriff Karriere um.

„Man fängt immer wieder neu an“

„Was ist denn Durchbruch?“, war die sofortige Reaktion des Vaters auf meine Frage, wann man als Schauspieler das Gefühl hätte, es geschafft zu haben. „Das können nur Außenstehende beurteilen“, pflichtet ihm die Tochter ohne zu zögern bei. Dann ließ sie sich dazu hinreißen, den Film „Ein fliehendes Pferd“ (2007 - R.H.) nach einem Buch von Martin Walser „eventuell“ als ihren Durchbruch zu bezeichnen. „Eigentlich fängt man immer wieder neu an“, war die eindeutige Aussage beider. Ja, sie sei jetzt ein Rollenauswähler statt Rollensucher, „aber wie lange noch?“ Bei ihrem Vater Andreas wechselte diese Position mehrfach.

Beide spielen gegenwärtig Ermittlerrollen, er bei der SOKO Leipzig, sie beim Nordsee-Tatort. Zufall oder Trend? „Wer etabliert ist, wird dafür geworben“, versucht die Tochter eine Begründung. Außerdem sei das Angebot an Ermittlerrollen mit eigener Persönlichkeit viel größer geworden, was wohl an der gewachsenen Beliebtheit von Krimis liegt. Andreas Schmidt-Schaller betont die Freude, mit der er die Eigenheiten seiner Film-Figur darstellen kann. Auf Wunschrollen angesprochen, kommt beim Vater sofort: „Richard III. von Shakespeare.“ Pause. „Früher, denn jetzt bin ich dafür zu alt“, setzt er lachend hinzu. Aber ein weiterer beruflicher Traum ist es, eine Oper zu inszenieren. „Weil in der Oper alle Künste zusammenfließen. Literatur, Musik und Bildende Kunst“. Auch die Tochter hat sich darüber schon Gedanken gemacht: „Ich würde gerne eine Märchenfigur spielen, die weder gut noch böse ist, so dass auch meine dreijährige Tochter vor ihr keine Angst zu haben brauchte. Aber niemals eine Prinzessin,“ stellt sie klar.

Das ausgezeichnete Verhältnis von Vater und Tochter wird während des Gesprächs überdeutlich und fordert zu Fragen heraus. „Ja, wir tauschen uns regelmäßig aus, haben viel Kontakt im Alltag“, bestätigen beide. Auf die Frage, ob sie gegenseitig stolz auf sich wären, antwortet der Vater: „Stolz ist was Komisches, Respekt ist besser.“ „Ja, ich habe großen Respekt vor meinem Vater, der solange schon eine solche Menge an guter Arbeit macht“, bestätigt die Tochter.

Usedom und Klassik am Meer

Passendes Ambiente für Klassik am Meer: die Koserower KircheNatürlich kommt auch der Anlass des Treffs zur Sprache. Für Andreas Schmidt-Schaller begann die Begegnung mit Usedom in der 11. Klasse, bei einem Aufenthalt in der heute nicht mehr existierenden Jugendherberge in Bansin. Nach dem Wehrdienst bei der Volksmarine in Korswandt, den er lachend kommentiert: „Wir sollten von dort aus das Objekt in Peenemünde bewachen“, folgte eine lange Pause. Erst durch Klassik am Meer hat er Usedom seit 1998 wieder neu entdeckt. „Eine landschaftlich tolle Insel, die wir bei Spaziergängen von Koserow nach Kölpinsee gerne erkunden.“ Es sollte in Koserow jedoch nicht mehr allzu viel gebaut werden. Für die Tochter waren die Kurzbesuche bei Auftritten des Vaters der erste Kontakt mit Usedom, sie hört jedoch andere immer von der Vielfalt und den zahlreichen Attraktionen schwärmen. „Und überall ist man dicht am Meer.“

Andreas Schmidt-Schaller gehört zu den Gründungsmitgliedern des Vereins „Klassik am Meer“, dessen Initiator Jürgen Kern er seit 50 Jahren kennt. Drei Jahre hintereinander spielte er die Rolle des „Jedermann“, danach noch weitere. „Ich bin gerne dabei und freue mich über das positive Echo der Veranstaltungsreihe“, bekräftigt er. „Für mich ist es der erste Auftritt hier. Jürgen Kern fragte uns beide, ob wir diese Lesung aus Martin Walsers „Ein liebender Mann“ auch in Koserow machen könnten und ich war sofort dazu bereit“, ergänzt Petra Schmidt-Schaller.

Warum gerade diese Lesung aus Martin Walsers Roman „Ein liebender Mann“?

Die Antwort kommt sofort. „Als Martin Walser an dem Buch schrieb, spielte ich in einem Film nach einem seiner anderen Bücher („Ein fliehendes Pferd“ – R.H.) die Hauptrolle und kam dadurch in Kontakt zum Autor. Er hat mir das neue Buch mit einer Widmung zugesandt, in der es hieß: Hier ist ein Text, den Sie sofort spielen könnten. Nun ist eine Lesung daraus geworden, mit der mein Vater und ich heute bereits zum vierten Mal auftreten.“

Während des Gesprächs trat eine Frau unsicher auf uns zu, erkannte die Protagonisten, wartete, fragte dann, ob es denn für den Abend noch Karten gäbe. Andreas Schmidt-Schaller verwies auf die offen stehende Kirchentür, hinter der Jürgen Kern bei den Vorbereitungen war und wünschte ihr viel Erfolg bei der Kartensuche. Eine Bestätigung ihrer Popularität, die sie leise lächelnd konstatierten.

Auf die Fragen an zwei der bekanntesten Schauspieler Deutschlands bekam ich nicht nur direkte Antworten, sondern auch die Gewissheit vermittelt: Sie verspüren Ehrfurcht vor ihrem Beruf und damit vor dem Zuschauer. Auch nach einer Stunde Gespräch - die Vorstellung rückte näher – keine Unruhe bei ihnen. Sie erklärten dann lächelnd, dass sie ja für die abendliche Lesung keinen Text lernen müssten…

Andreas Schmidt-Schaller
Geboren 1945, aufgewachsen in Weimar, Abitur in Gera, anschließend Bühnenarbeiter in Gera am Theater, Studium an der Theaterhochschule Leipzig, Theater in Karl-Marx-Stadt und Magdeburg, seit 1980 freiberuflich, zahlreiche Filme und Serien, aktuell in SOKO Leipzig.

Petra Schmidt-Schaller
Geboren 1980, aufgewachsen und Abitur in Berlin, Studium an der Hochschule für Musik und Theater Leipzig, Nationaltheater Weimar, Theater Osnabrück, jetzt freiberuflich, zahlreiche Filme, aktuell im Nordsee-Tatort.

Klassik am Meer
Ein wachsender Kreis von Schauspielern trägt seit 16 Jahren diese Veranstaltungsreihe und nutzt die einzigartige Atmosphäre der Koserower Kirche zu sommerlichen Auftritten. Dazu gehörten bisher „Faust“, „Galileo Galilei“, „Nathan der Weise“, „Der zerbrochene Krug“, aber auch „Die Bernsteinhexe“ von Wilhelm Meinhold. Gründer und Leiter des Vereins ist der Regisseur Jürgen Kern.
Informationen auf www.klassik-am-meer.de


Interview: Rainer Höll
Fotos © Rainer Höll (o.), Klassik am Meer (u.)

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