Wisente, Wildnis und der Pommersche Herzog auf Usedom

Wisente, Wildnis und der Pommersche Herzog auf Usedom Wisente, Wildnis und der Pommersche Herzog auf Usedom

Als im Jahre 1999 die Idee entstand, auf der Insel Usedom eine Wisentzucht aufzubauen, ahnte wohl kaum jemand, welche Veränderungen in der Tierwelt Mitteleuropas in den nächsten Jahren vor sich gehen würden. Zur selben Zeit aber hatte östlich unserer Grenzen schon eine Entwicklung begonnen, die vieles von dem in Frage stellen würde, was im Verhältnis zwischen Mensch und Natur seit Jahrhunderten in Deutschland üblich gewordenen war.

Der gesellschaftliche Konsens hatte sich daran gewöhnt, dass die großen Tiere, die einst bei uns heimisch waren, für immer verschwunden sein würden. Unsere Fauna war pflegeleicht geworden. Alle die Tierarten, die den umfassenden Besitz- und Nutzungsanspruch des Menschen gegenüber der Natur scheinbar bedrohten, waren ausgerottet. Sie existierten nur noch in Tierparks und Wildgehegen, wo man einzelne Exemplare als Vertreter einer längst vergangenen Zeit sehen konnte. Das galt für das Großwild Wisent und Elch ebenso wie für die großen Raubtiere, Wolf, Bär und Luchs. Erstere seit Jahrhunderten als heimische Tiere auf (heutigem) deutschen Staatsgebiet ausgerottet, die großen Beutegreifer als Konkurrenten der Jäger erbarmungslos verfolgt, mit allen erdenklichen Mitteln bekämpft und letztendlich „erfolgreich“ zusammengeschossen. Nicht zu vergessen das größte Raubtier Mitteleuropas, die Kegelrobbe, die seit rund einhundert Jahren an unserer Ostseeküste ausgerottet war, und nur noch als Irrgast aus dem Baltikum oder Südschweden zu uns kam.

Im Frühjahr 1995 waren es erst nur Gerüchte, dann wurde es Gewissheit: In der Muskauer Heide, auf einem großen Truppenübungsplatz in der sächsischen Lausitz, streiften zwei Wölfe durch die Wälder, sie waren aus Niederschlesien nach Deutschland gekommen. Wie eine Sensation erschien im Jahr 2000 die Meldung, dass in der Lausitz zum ersten Mal seit 150 Jahren wieder Wolfsnachwuchs das Licht des Waldes erblickt hatte! Weitere Wölfe folgten den Spuren der ersten Neusiedler aus den westpolnischen Wäldern in den Osten Deutschlands. Inzwischen hatten sich beiderseits der Oder die Verhältnisse geändert. In Deutschland ist der Wolf seit 1990 geschützt, in Polen seit 1998. Inzwischen leben in Sachsen fünf Wolfsfamilien, in Brandenburg siedelten sich die ersten Wölfe 2005 an. Seit 2007 gehört der Wolf auch wieder zur Tierwelt in Vorpommern und Mecklenburg. Meist sind es Truppenübungsplätze in Verwaltung der Bundesforstbetriebe, auf denen sich die Wölfe zuerst einfinden. Die hohen Bestände des Schalenwildes, so hoch wie noch nie während der letzten 300 Jahre in Deutschland, bieten ein großes Nahrungsspektrum Es bleibt zu hoffen, dass die veränderte gesellschaftliche Grundstimmung auch dem Wolf wieder ein dauerhaftes Existenzrecht einräumt!

Natur-Paradies Insel UsedomWesentlich unauffälliger geht die Rückkehr eines der größten Säugetiere Europas vor sich. Ähnlich wie der Wolf durchquerten in den vergangenen Jahrzehnten immer wieder einzelne Elche Oder und Neiße. Auch der Elch hatte in der DDR keine Schonzeit. Fast jeder der so genannten „Wanderelche“ fiel der Kugel zum Opfer. So wurden allein von 1981 bis 1990 in der DDR 28 Elche als „Forstschädlinge“ erlegt. Im bundesdeutschen Jagdrecht genießen Elche hingegen eine ganzjährige Schonzeit. Die positive Entwicklung der Bestände in den polnischen Nationalparks, aber auch in Tschechien, ließ auch den großen nordischen Hirsch verstärkt nach Westen wandern, war er doch noch im Mittelalter über ganz Westeuropa verbreitet. In Sachsen, Brandenburg, aber auch Bayern und Niederösterreich tauchen seitdem wieder öfter Elche auf. In Brandenburg geht man davon aus, dass schon 2007 das erste Elchkalb gesetzt wurde. Östlich von Berlin hat sich damit bereits ein kleiner Bestand etabliert, der dauerhaft anwesend ist. Damit kann auch der Elch wieder zur heimischen Fauna gezählt werden.

Dass der Wisent als größtes europäisches Landsäugetier jemals wieder in Deutschland den Wald durchstreift, schien noch vor wenigen Jahren undenkbar. Aber seit 2007 wird daran gearbeitet, Wisente im Rothaargebirge in Westfalen anzusiedeln. Im März 2010 wurden die ersten Tiere in das Auswilderungsgehege gebracht, im kommenden Jahr soll das Gatter geöffnet werden. Vorgesehen ist, eine Herde von bis zu 25 Wisenten in den Wäldern des Rothaargebirges heimisch werden zu lassen. Die Initiative eines kleinen Naturschutzvereines und zusammenhängender, großflächiger, privater Waldbesitz ermöglichen nun, wozu sich staatliche Institutionen in Jahrzehnten nicht entschließen konnten: die Rückkehr des Wisents in unsere Natur!

Auch andere, beinahe oder ganz ausgerottete Tierarten schicken sich an, verlorenes Terrain zurück zu gewinnen, diesmal mit menschlicher Hilfe. Erinnert sei an „Bruno“, der am 26. Juni 2006 überforderten Politikern und einer hysterischen Presse zum Opfer fiel, die ihn zum „Problembären“ machten. Der erste Bär, der, nach der Vernichtung seiner wild lebenden Vorfahren 1835 in Bayern, nach Deutschland wechselte, stammte aus einem Auswilderungsprojekt in Südtirol und war auf der Suche nach einem eigenen Revier. Er wird nicht der letzte Braunbär sein, der in den bayrischen Alpen auf Wanderschaft ist. Landesgrenzen werden ihn dabei kaum aufhalten.

Natur-Paradies Insel UsedomDer Luchs hingegen ist wieder in verschiedenen deutschen Mittelgebirgen zu Hause, nicht zuletzt durch Auswilderungsprojekte. Einst bis ins norddeutsche Flachland verbreitet, wurde die Großkatze im 19. Jahrhundert als „Schädling“ und „Räuber“ bis auf einen kläglichen Rest, der in den Alpen seine letzte Zuflucht fand, ausgerottet. Im Harz startete im Jahre 2000 ein Projekt zu seiner Wiederansiedlung. Mehrere Tiere wurden frei gelassen, die inzwischen auch Nachwuchs haben. Auch im Hainich in Thüringen, im Schwarzwald und im Pfälzer Wald ist der Luchs wieder auf leisen Pfoten unterwegs. Mehr als ein Beweis also, dass diese Tiere auch heute noch in Deutschland Lebensraum finden.

Im Juni 2004 kamen die ersten Wisente aus polnischen Nationalparks auf die Insel Usedom, seitdem können naturinteressierte Besucher nun eine Tierart aus nächster Nähe beobachten, die einst auch in unseren Wäldern ihre Fährte zog. Im Usedomer Wisentgehege konnte zum ersten Mal in Deutschland wieder der Tieflandwisent beobachtet werden! Diese Wisente sind damit direkte Nachfahren jener zottigen Wildrinder, die bis zum 14. Jahrhundert bei uns heimisch waren. Die Insel Usedom und die Ückermünder Heide werden in den Chroniken als letzte Heimat des Wisents in Vorpommern genannt. Westlich von uns war er schon lange zuvor durch die Rodung der Wälder und die zunehmende Jagd vom Menschen verdrängt worden.

Die Möglichkeit, diese imposante Tierart unmittelbar vor sich zu sehen, haben seitdem viele Besucher genutzt. Wohl nirgendwo sonst kann man das urige Wildrind aus so geringer Distanz sehen, wie im Schaugehege in der Mellenthiner Heide. Der Wisent zieht den Betrachter in seinen Bann, ist er doch eine ungewöhnliche Erscheinung, ja das ganze Gegenteil zu der technisierten, modernen, „gestylten“ Welt, die uns täglich mit ihrer bunten Lautstärke umgibt. Und er wirft Fragen auf. Was wäre, wenn… man so einem Tier im Walde begegnen würde? Was würde passieren? Warum gibt es ihn eigentlich nicht mehr bei uns? Besucher aus Nordrhein-Westfalen haben von dem Ansiedlungsprojekt im Rothaargebirge gehört. Dieser und jener weiß etwas von den Wölfen in Sachsen, oder von Elchen in Brandenburg. Vielleicht ging wenige Tage zuvor eine Meldung durch die Zeitungen, am Strand von Zinnowitz oder Bansin wäre eine Kegelrobbe beobachtet worden, oder gar zwei, wie 2008 an der Heringsdorfer Seebrücke. Wie verhält man sich da? Wo kommen die her? Gab es die eigentlich schon früher hier, oder wurden sie angesiedelt?

Natur-Paradies Insel UsedomOft kam man so miteinander ins Gespräch, und die Mitarbeiter des Wisentgeheges merkten bald, wie groß das Interesse an solchen Themen ist. Es lag auf der Hand, für mehr Informationen zu sorgen. Am besten würde das natürlich mit einem Informationszentrum gelingen, mit einer modernen Ausstellung und verschiedenen Medien, die den interessierten Gästen die Möglichkeit geben, diese Fragen zu beantworten. Aus diesen Gedanken wurde ein handfestes Vorhaben. Ein Konzept entstand, das Usedomer Wisentgehege zu einem Informationszentrum umzugestalten. Gemeinsam mit den polnischen Kollegen aus der Stadt Swinemünde und dem Nationalpark Wollin hat der NABU Usedom der Kommunalgemeinschaft POMERANIA ein Projekt vorgelegt, das die Umweltbildung in den Mittelpunkt stellt. Ein echtes Gemeinschaftswerk wurde vorbereitet. Parallel zu dem Projekt im Wisentgehege wurde auf der Insel Kaseburg bei Swinemünde ein Informationspunkt zur Natur des Swine-Deltas geschaffen.

Noch im Herbst 2009 begannen die Bauarbeiten in der Mellenthiner Heide, die der lange Winter dann für drei Monate unterbrach. Erst Ende März konnte es weitergehen. Inzwischen entstanden zwei Ausstellungsgebäude, in denen moderne Technik den Gästen interessante Zusammenhänge darstellen wird. Für die Produktion der Ausstellung konnte eine renommierte Agentur gewonnen werden, die u. a. bereits das Müritzeum, das Besucherzentrum im Nationalpark „Unteres Odertal“ und das „Brockenhaus“ gestaltet hat. Damit gelang eine spannende Synthese aus traditionellen und modernen Elementen.

Natur-Paradies Insel UsedomDer Wandel der Tierwelt und der Landschaft in Mitteleuropa soll dabei den größten Raum einnehmen. Für viele wird überraschend sein, welche Tierarten einst bei uns heimisch waren und warum sie es heute nicht mehr sind. Man kann förmlich in die Spuren großer Tiere treten, und wird dabei über Bild und Ton staunen. Und manchmal kann man sogar durch Wände sehen und wird überrascht sein, wie nahe man dem größten Säugetier Europas dabei kommt. Die Geschichte unserer Landschaft, die Bewirtschaftung von Wald und Flur, wird dabei den Rahmen vom Mittelalter bis in die Neuzeit geben. Dioramen zeigen wichtige Vertreter der historischen Fauna, interaktive Projektionen zeigen, wie die Wildnis verschwand, und mit ihr die großen Tiere. Wie der pommersche Herzog zur Jagd auszog, kann man dabei ebenso sehen wie die Gründung unserer Dörfer und Städte. Der Besucher des Wisentgeheges wird aber auch über die heutige Tierwelt Informationen finden, die Insel Usedom „von oben“ erleben und auf ihr „mit dem Finger“ spazieren gehen können. Wenn man dabei von Adleraugen beobachtet wird, so gehört das auf Usedom einfach dazu. Daneben soll sich dem Besucher aber auch die Natur der Insel Usedom erschließen, mit einer Vielzahl von Informationen, die für Erwachsene ebenso interessant sind wie für Kinder. Wer sich dann noch fragt, was die alten Kiefern im Wald für merkwürdige Rillen im Stamm haben, wird auch darauf eine Antwort bekommen.

Der Vogelwelt der Insel ist dabei ein eigener Bereich gewidmet, zählt Usedom doch zu den artenreichsten Gebieten unserer Küste. Die Vielfalt der Arten wird gezeigt, dazu kann man die Stimmen der Gefiederten hören. Das neue Informationszentrum im Wisentgehege fügt sich ein in die Landschaft der Mellenthiner Heide. Gelegen am Waldrand, von Kiefern und Fichten eingebettet, gleicht der Besucherraum einem Märchenwald. Völlig umgestaltet wurde auch der Eingangsbereich. Das Thema „Heide“ bietet gleich am Tor den Einstieg in das Thema der Ausstellung. Dass der Wisent auf dem ganzen Gelände präsent sein wird, liegt beinah wörtlich „in der Natur der Sache“.

Im Einklang mit der umgebenden Natur ist es gelungen, im Achterland der Insel ein spannendes Naturerlebnis für die ganze Familie zu schaffen. Der Naturfreund wird ebenso begeistert sein wie der naturentwöhnte Besucher, der nur am Wochenende „ins Grüne“ kommt.

Text: Dirk Weichbrodt, Fotos © Templermeister (Wolf), Jens Bredehorn (Luchs), S. Hofschlaeger (Elch), U. Zebunke (Braunbär), alle pixelio.de, nordlicht verlag (Wisente)

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