Usedomer Vogelwelt: Rückkehrer und Neubürger

Usedomer Vogelwelt: Rückkehrer und Neubürger Usedomer Vogelwelt: Rückkehrer und Neubürger

Die Inseln Usedom und Wollin sind immer noch ein Eldorado für Naturliebhaber - trotz eines ungebremsten Besucheransturms und einer mancherorts ungezügelten Erschließung bis dahin ungestörter Landschaften. Der interessierte Laie, der sich an der Vielfalt von Fauna und Flora erfreut, wie auch der geschulte Beobachter, der sofort einen Blick für das Außergewöhnliche hat, können vielerorts noch Dinge entdecken, die woanders schon selten geworden oder verschwunden sind. Die Tier- und Pflanzenwelt der beiden Inseln hält immer wieder Überraschungen bereit für den, der sich die Zeit und Ruhe nimmt, sie zu entdecken. Am ehesten fallen dem Beobachter dabei natürlich die Lebewesen auf, die durch Größe, Farbenpracht oder Stimmgewalt die Blicke auf sich lenken. Nun sind wenige Tiere so groß und deshalb kaum zu übersehen, wie der Elch, der im vergangenen Oktober einen Abstecher nach Usedom machte, und dessen Weg durch Vorpommern ziemlich genau dokumentiert wurde. Auf Usedom und Wollin ist es vor allem die Vogelwelt, die auf eng umrissenem Raum so artenreich ist, wie kaum woanders an unserer Küste. Viele Hobbyornithologen, aber auch ausgewiesene Fachleute zieht es deshalb Jahr für Jahr zu uns. Oft sind es bestimmte Arten, ja Raritäten, nach denen sie suchen, Neubürger in unserer Vogelwelt, die aus dem Osten zu uns gekommen sind. An der pommerschen Küste, und damit auf Usedom als östlichster deutscher Insel, sind sie am ehesten zu finden. Einige davon sollen hier vorgestellt werden.

Am 13. Juni 1933 machte der Ornithologe Ernst Schüz, gemeinsam mit seiner Frau, eine Radtour von Swinemünde nach Zirchow. Am Park des damaligen Rittergutes Kutzow blieb er plötzlich stehen und lauschte. Das war doch nicht möglich! Er hatte eine Vogelstimme gehört, die er bisher nur von seiner Arbeitsstelle an der Vogelwarte Rossitten auf der Kurischen Nehrung kannte. Der Gesang gehörte zum Grünen Laubsänger, einer Art, die erst wenige Jahre zuvor aus dem Baltikum nach Ostpreußen eingewandert war. Hier in Pommern, mehr als 500 Kilometer weiter westlich, war die Art noch völlig unbekannt. Aber als einer der aktivsten Vogelkundler Deutschlands hatte die Stimme doch zweifelsfrei erkannt. Diesem ersten Nachweis folgten weitere, auf der Greifswalder Oie, auf Rügen, inzwischen auch weiter westlich, bis nach Helgoland. Aber noch immer ist die Wahrscheinlichkeit, einen unserer seltensten Singvögel zu hören oder zu sehen, auf Usedom am größten. Nach dem ersten Nestfund 1935 auf Rügen sollte es noch bis 1990 dauern, bis die Art als Brutvogel nachgewiesen werden konnte. KarmingimpelIm selben Frühsommer, am 6. Juni 1933, wanderte der Karlshagener Lehrer Ulrich Dunkel, ein bekannter Vogelkundler, bei Koserow durch die Dünen. Eine markant geflötete Strophe ließ ihn aufhorchen. Da, auf den Weidenbüschen, ein spatzengroßer Vogel, aufrecht sitzend, mit tiefrotem Kopf und roter Brust, ließ den Gesang erneut hören. Es war tatsächlich ein Karmingimpel, zum ersten Mal auf Usedom! Neun Jahre zuvor war er erstmals auf Wollin beobachtet worden, ein Neubürger, eingewandert aus dem Osten. Bald war er als regelmäßiger Brutvogel entlang der Ostsee verbreitet, inzwischen ist die Art bis an die Nordsee vorgedrungen. Auf Usedom und Rügen aber hat der Sangeskünstler, der als einer der wenigen unserer Singvögel in Indien überwintert, seine höchste Siedlungsdichte. Er ist der letzte Rückkehrer im Frühjahr, erst Ende Mai kommt er aus den Subtropen an die selbst dann manchmal noch raue Ostseeküste.

Aus Wäldern und Parkanlagen wohl jedem bekannt ist der bunte Eichelhäher, der unstete Herumtreiber, der Markwart des Waldes, der mit durchdringendem Geschrei alles Verdächtige lauthals meldet. Wer aber kennt seinen Verwandten, den stillen Tannenhäher, der nicht halb so viel Aufregung um sich veranstaltet? TannenhäherDunkelbraun, mit weiß getupftem Federkleid, kommt er in manchen Wintern zu Hunderten aus den Weiten Sibiriens nach Mitteleuropa, manchmal sind es auch nur Einzelvögel. Einige „vergessen“ dann den Rückzug im Frühjahr, und so fand sich im März 1995 ein Pärchen bei Zempin zusammen und hatte wenige Wochen später drei Junge ausgebrütet. Wenig scheu, kamen sie bis auf einige Meter an den Betrachter heran und nahmen sogar Nüsse von ihm. Ein Blick in ältere Literatur aber zeigt, dass es nicht der erste Brutnachweis auf Usedom war. Im Jahre 1901 wurden zwei Nester bei Friedrichsthal (Swinemünde) und eines bei Karlshagen gefunden. Ob es sich wirklich um Sibirier handelt, ist zudem nicht sicher, brütet der Tannenhäher doch schon am Lebasee in Hinterpommern und in Masuren.

Nest einer BeutelmeiseIn Naturdokumentationen mit ihrem imposanten, freihängenden Henkelnest gern gezeigt und bestaunt wird die Beutelmeise, ein Bewohner der Röhrichte an Haff, Achterwasser, Peenestrom und an den Seen. Ein eher unscheinbarer kleiner Singvogel, mit einer großen schwarzen „Träne“ auf der Wange. Meist hört man ihr gedehntes „zieh“ aus dem Schilfdickicht, sie zu sehen, ist Glückssache. Schon früher zählte sie zur heimischen Vogelwelt, zu Beginn des 20. Jahrhunderts aber verschwand sie ohne sichtbare Ursache. Ihr Verbreitungsgebiet liegt im Osten, in Polen, Russland, auf dem Balkan. Erst nach 1950 erfolgte wieder ein Vorstoß nach Westen. 1954 wurde sie wieder auf Usedom beobachtet, rasch wurde dann ganz Norddeutschland besiedelt. Heute ist die Beutelmeise zwar selten, aber doch stetig vorkommend an unseren Gewässern.

Noch ein Neubürger der pommerschen Küste kommt aus dem Osten zu uns. 1996 wurde erstmals bei Greifswald ein Vogel gesichtet, dessen lange Beine und der „Wippstert“ unzweifelhaft auf die Verwandtschaft mit unserer Bachstelze hindeuteten. ZitronenstelzeKopf und Brust leuchtend gelb gefärbt, hatte sich erstmals in Deutschland eine Zitronenstelze zur Brut niedergelassen. Im Swine-Delta, also noch „fast“ auf Usedom brütete diese osteuropäische Art erstmals 2004, seitdem zum wiederholten Male. Vom Kaspischen und vom Schwarzen Meer bis nach Nordrussland reicht ihr Brutgebiet, das sie nun offenbar nach Westen ausdehnt. Ob sie in den kommenden Jahren zahlreicher wird, bleibt abzuwarten. Ein Farbtupfer in unserer mancherorts recht arm gewordenen Landschaft ist sie allemal.

Einer, auf dessen Rückkehr man noch hofft, ist die derzeit wohl seltenste Vogelart Deutschlands: der Seggenrohrsänger. Nur noch eine Handvoll Paare sind im Nationalpark Unteres Odertal heimisch. Sein Verschwinden ist ein trauriges Kapitel des staatlichen Naturschutzes! Einst häufig auf extensiven Wiesen und Weiden vorkommend, hatte er sein letztes Brutvorkommen in Mecklenburg-Vorpommern am Struck im Naturschutzgebiet „Peenemünder Haken“. Durch Subventionen gefördert, wurden diese Salzwiesen so überweidet, dass 1997 die letzten Seggenrohrsänger verschwanden! Nur im Swine-Delta lebt noch isoliert ein kleiner Rest des einst großen Bestandes, sorgsam überwacht vom Nationalpark Wollin und vom Polnischen Vogelschutzverein OTOP. Mit großem Aufwand versucht man, diese Art nun auch wieder bei uns heimisch zu machen, bislang ohne Erfolg. Im Osten Polens ist er noch häufig, die industrielle Landwirtschaft des Westens bekommt ihm offenbar überhaupt nicht.

Schon einmal wurde an dieser Stelle über Vogelarten berichtet, die an der Odermündung, auf Usedom und Wollin, als Rückkehrer oder Neubürger unsere Fauna bereichern. Noch im Herbst des Vorjahres galt zum Beispiel der Silberreiher, jener grazile Verwandte unseres heimischen Graureihers, „nur“ als Gastvogel aus Südeuropa. SilberreiherVor 40 Jahren erstmals in Süddeutschland nachgewiesen, kann man den Schreitvogel inzwischen in ganz Deutschland beobachten. Vor kurzem gelang Vogelkundlern nun der erste Brutnachweis in Deutschland für diese Art, und zwar in Vorpommern! Ein weiterer Beweis für den Wandel in der Natur, ob der Klimawandel oder zoogeographische Entwicklungen dafür die Ursache sind, ist letztlich zweitrangig. Entscheidend ist die Dynamik, die in den Arten und ihrer Verbreitung steckt. In der Natur ist ständig Bewegung! Es ist immer wieder reizvoll und lohnend, genau hinzusehen, um neben den scheinbar festen, immer wiederkehrenden Bildern auch das Besondere zu entdecken.

Text: Dirk Weichbrodt, Fotos © S.Seifert/wikipedia.de Creative Commens Attribution 3.0, Ullmann, Margeaux1900/wikipedia.de Creative Commens Attribution 3.0, Rolf Jürgens, J. M. Garg/wikipedia.de Creative Commens Attribution 3.0, FokusNatur/wikipedia.de Creative Commens Attribution 3.0 (Infos siehe Impressum)

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