Der Streckelsberg und seine Geschichte

Der Streckelsberg und seine Geschichte Der Streckelsberg und seine Geschichte

Das Ostseebad Koserow liegt an der Außenküste der Insel Usedom und bildet zusammen mit Zempin, Kölpinsee, Loddin und Ückeritz die Usedomer Bernsteinbäder. Neben der Seebrücke, die rund 260 Meter in die Ostsee ragt, hat das Ostseebad Koserow noch ein weiteres Wahrzeichen: den Streckelsberg, der sich direkt an der Kliffküste rund 55 Meter hoch erhebt. Der Streckelsberg und das ihn umgebende Areal haben aufgrund der seit Jahrhunderten herrschenden Küstendynamik eine wechselvolle Geschichte hinter sich, von der unser Autor Dirk Weichbrodt berichtet.

„Es wäre ein leichtes, Koserow … durch Anlage großstädtischer Hotelbauten und Vergnügungsbetriebe mit Amüsierprogrammen und allem übrigen Drum und Dran zum „Modebad“ zu machen“. Dieser Satz aus einem Werbeprospekt des Jahres 1932 beschreibt eine Perspektive, der Koserow glücklicherweise bis heute nicht gefolgt ist. Die Zeit ist zwar nicht stehen geblieben, und vor allem die letzten 25 Jahre haben das Gesicht von Koserow verändert. Aber noch immer umgeben Buchen- und Kiefernwälder, Felder, Wiesen und Heide das Seebad zwischen Ostsee und Achterwasser. Einst hervorgegangen aus einem slawischen Dorf, das noch früher wohl wiederum einem germanischen Siedlungsplatz folgte, weist der Wortstamm „Kos“ auf das slawische Wort für die Amsel hin. Wie ihr Gesang einst die Dorfgründer in grauer Vorzeit beeindruckt haben muss, kann man sich vorstellen, wenn man an einem Frühlingsmorgen über den Streckelsberg wandert, oder an den Torfstichen unweit der Salzhütten steht. Koserow wurde einst von zeitgenössischen Autoren als „das ärmste Dorf auf der Landenge“ bezeichnet. Das ist längst vergangene Geschichte. Der seit Mitte des 19. Jahrhunderts begonnene Badebetrieb hat das Dorf zum Seebad werden lassen. Heute bestimmt der Tourismus das Gesicht des Ortes, und doch hat Koserow sich seinen Charakter bewahren können.

Entstehung des Streckelsberges

Das Wahrzeichen dieses Badeortes aber ist etwas anderes: der Streckelsberg, eine der höchsten Erhebungen an der Usedomer Ostseeküste. Zwischen Strand und Seebad gelegen, prägt der Streckelsberg den Ort in Geschichte und Gegenwart. Er ist das letzte Bollwerk gegen die Urgewalt des Meeres. Als Überbleibsel der letzten Eiszeit gehört der Berg zu einem der Inselkerne, die sich als lang gestreckte Endmoränen entlang der Außenküste zwischen der Pudagla- und der Zinnowitzpforte hin ziehen.

Info-Tafel: Errichtung der Streckelsbergmauer   Der Streckelsberg lädt zu jeder Jahreszeit zur










An diesen Inselkernen aber nagt das Meer. Noch im Mittelalter lag die Küstenlinie vor dem Streckelsberg hunderte Meter weit vom heutigen Strand entfernt in der Ostsee. Die Küste der Insel Usedom wird zurückgedrängt, am Streckelsberg etwa einen Meter im Jahr. Die Steilküsten liefern das Material für die Usedomer Strände, von Swinemünde im Osten bis Peenemünde im Westen. Ohne Abtragung der Steilküsten also keine Strände auf Usedom! Den Streckelsberg aber versucht man zu schützen. Eine erste Schutzmauer wurde am Fuß des Steilufers wurde 1897 fertiggestellt. Schon 50 Jahre später aber war sie so brüchig, dass die Steilküste wieder aktiv wurde und abrutschte. Zwar schützt seit 1998 eine neue Mauer den Berg, unterstützt von Buhnen, die beiderseits den Abtransport des Sediments bremsen sollen. Das Problem dabei: bremst man das Meer an einer Stelle, verlagert es seine Wellenenergie auf die Randbereiche. Man kann diesen natürlichen Prozess verzögern. Aufhalten kann man ihn nicht! Schon heute ragt der Streckelsberg wie eine „Nase“ deutlich in die Ostsee.

Der Streckelsberg weist eine geomorphologische Besonderheit auf: auf den etwa 45 Meter starken „eiszeitlichen“ Unterbau hat der beständige Wind von See eine rund 10 Meter starke Auflage feinen Sandes geweht. Diese seltene Bildung bezeichnet man als „Kliffrand-Düne“. Gefährlich wurde dieser wegen seines hellen Strandsandes „Witter Barg“ genannte Berg für die frühen Bewohner des Dorfes Koserow, die Bauern und die Fischer. Der unbewaldete Berg wurde zur Wanderdüne, feiner Sand überwehte die kargen Äcker. 1818 begann eine neue Ära für den Streckelsberg. Angeleitet vom Oberförster Schrödter, wurde der Berg aufgeforstet, der Flugsand fand nun Halt zwischen den Baumwurzeln. Dies war die Geburtsstunde des imposanten Baumbestandes, der heute den Streckelsberg bedeckt. Der daraus entstandene Buchenwald, seine Pflanzengesellschaften, und die noch lange aktive Steilküste, waren 1957 auch der Grund für die Ausweisung des Streckelsbergs zum Naturschutzgebiet. Mit 34 Hektar zählt es zu den kleinen Schutzgebieten auf Usedom. Seine einst wertvollen Orchideenbestände sind allerdings in Folge der Auflichtung des Buchenwaldes fast verschwunden. Die artenreiche Kraut- und Strauchschicht und die alten Buchen beherbergen aber noch heute eine abwechslungsreiche Tierwelt. Schwarzspecht und Zwergschnäpper zählen dazu, ebenso Hohltaube, Karmingimpel und mehrere Fledermausarten. Problematisch für die Natur sind natürlich die zehntausenden Spaziergänger, die die großartige Aussicht genießen wollen, und im Sommer den Berg regelrecht überlaufen.

Waldkauz   Blaumeise   Fledermäuse



Man geht davon aus, dass der einstige Höhenzug, zu dem der Streckelsberg gehört, und der längst in der Ostsee verschwunden ist, deutlich über 100 Meter hoch war. Forschungen Anfang des 20. Jahrhunderts haben gezeigt: dieser Moränengürtel verband einst Rügen (Mönchgut), Usedom (Koserow) und Wollin (Misdroy). Der letzte sichtbare Rest dieser einstigen Verbindung ist die Greifswalder Oie, die 10 Kilometer vor Usedoms Küste liegt. Die einst weit geschwungene Moräne liegt heute mehrere Meter unter dem Meeresspiegel. Noch im 16. Jahrhundert ragten die nordischen Geschiebe als Inselkette vor Koserow aus dem Meer.

Lag die untergegangene Stadt Vineta vor dem Streckelsberg?

Ab 1730 wurden damit begonnen, die Steine für den Bau der Swinemünder Molen zu „zangen“ und abzutransportieren. Durch den Abbau der Steine versank das Riff immer tiefer in der See. Im Juni 1827 wurde auf den Steinen sogar eine Rednertribüne für den Preußenkönig Friedrich Wilhelm IV. errichtet. „Über den Trümmern Vinetas“, mitten im Meer, umgeben von zahllosen geschmückten Schiffen, wurde er vom berühmtesten Usedomer Dichter begrüßt, dem Koserower Pastor Wilhelm Meinhold. In den zahllosen Steinen unterschiedlicher Größe wollte man die Grundrisse von Häusern und Straßen erkennen, später dann die Umfassungen von Steinkistengräbern. Und damit sind wir bei dem Mythos, der speziell Koserow seit über 100 Jahren umgibt: Vineta! Die Legende der untergegangenen Stadt ist im gesamten nordischen Sprach- und Sagenraum verbreitet. Mit der „Bernsteinhexe“, die Meinhold später veröffentlichte, haben es damit zwei Werke in die Weltliteratur geschafft, die starken Bezug zu Koserow haben. Spätestens seit den Ausgrabungen der 1930er Jahre weiß man zwar, dass Vineta wohl eher bei der Stadt Wollin auf der gleichnamigen Schwesterinsel Usedoms zu suchen ist. Das aber tut der Legende keinen Abbruch…

Der Buchenwald am Streckelsberg leuchtet im Herbst in allen erdenklichen Gelb-, Orange- und RottönenMit der heute oft verwendeten Höhenangabe von 60 Metern für den Streckelsberg allerdings sollte man vorsichtig sein: sie ist schon auf den Karten aus den 1930er Jahren verzeichnet. Seitdem (bis 1995) ist die Kliffkante des Berges mehrfach abgerutscht. Wenn man heute von 54 bis 55 Metern Höhe ausgeht, kommt man der Realität wohl näher. Damit dürfte er sich auf „Augenhöhe“ mit dem Langen Berg bei Bansin befinden, dessen 58 Meter in den Karten wohl ebenso der Vergangenheit angehören. Die höchsten Erhebungen der Insel liegen ohnehin - ungefährdet - im Binnenland Usedoms: Golm, Zirowberg und Kückelsberg.

Das Seebad in der Inselmitte „großstädtisch“ machen, möchte wohl heute niemand mehr. Zum Glück, denn schon der nächste Satz im besagten Prospekt von 1932 formuliert folgende Erkenntnis: „Die Badeverwaltung … bewahrt dadurch ein größeres Gut: den großartigen Frieden einer herrlichen Natur und die köstliche, wohltuende Ruhe im Badeort als erste Vorbedingung für eine wirkliche Erholung …“ Man kann über diese Formulierung eigentlich nur staunen, wiegt doch dieser Satz in unserer rastlosen, schnelllebigen Zeit noch viel schwerer als damals. Heute versucht man sich vielerorts mit Spektakel, Lärm und Klamauk zu übertrumpfen. Dabei sind die Orte der Ruhe und der Blick in die Weite des Meeres und der Landschaft der wahre Luxus, den viele Besucher auf unserer Insel suchen. Viele Städter wissen ja nicht einmal mehr, wie ein Himmel mit Sternen aussieht! Daran sollte öfter einmal gedacht werden, bevor wieder stille Ecken für „Events“ geopfert werden und Usedom am Tage und in der Nacht beleuchtet und verlärmt wird …

Text: Dirk Weichbrodt
Fotos © Rainer Höll (o., 2.v.o.l.), wikipedia.de/Chrumps/CC BY-SA 3.0 (Waldkauz 3.v.o.l.), Peashooter/pixelio.de (Blaumeise 3.v.o.m.), Susan Sümer/pixelio.de (Fledermäuse 3.v.o.r.), Karin Höll (2.v.o.r., u.)

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