Insel Görmitz

Insel Görmitz vor der Insel Usedom Die Insel Görmitz liegt im Achterwasser vor der Insel Usedom

Die Insel Görmitz, die im Achterwasser vor der Ostsee-Insel Usedom liegt, hat eine interessante Entstehungsgeschichte. Auf der Insel Usedom blieb zum Ende der letzten Eiszeit blieb am Ostrand der Halbinsel Gnitz ein Eisblock liegen, in seinem Innern tausende Tonnen Kies, Sand, Lehm und Geröll bergend. Jahrtausende dauerte es, bis das Eis geschmolzen war. Zurück blieb ein flacher, sandiger Rücken, der lange Zeit unter der Wasseroberfläche im Achterwasser vor Usedom lag.

Erst mit dem langsamen Sinken des Meeresspiegels kam Land zum Vorschein. In den vergangenen 5.000 Jahren sind die flachen Ufergewässer rund um diesen mineralischen Inselkern verlandet und vermoort. Die Insel Görmitz war entstanden, dergestalt, wie sie heute vor uns liegt. Seit Jahrhunderten wurde ihr karger Boden genutzt zu Ackerbau und Viehzucht. Wenig erschlossen, lange ohne Strom und Fahrzeuge, blieb sie bis in die jüngste Vergangenheit eine Insel im rastlosen Getriebe der Zeit...

Sachte nur streicht der Wind vom Achterwasser her über das Grasland. Über die weiten Wiesenflächen klingt der jubelnde Gesang der zahllosen Lerchen, die im kurzgrasigen Weideland ihre Reviere besetzt haben. Dazwischen ist das merkwürdige, dünne Jammern der Wiesenpieper zu hören, die zwischen den Bülten der feuchten Senken ideale Nistplätze gefunden haben. Ein hohes, dünnes „Psie!“ macht den Beobachter auf einen zierlichen Vogel aufmerksam, der, mit dünnen Beinen, keck wippenden Schwanz und leuchtend gelber Brust unweit von ihm nur kurz auf einem Koppelpfahl gelandet ist, um gleich darauf hastig weiter zu fliegen. Eine Schafstelze ist es, Charaktervogel der Feldflur, der sich der Viehzucht des Menschen nahezu vollkommen angepasst hat, so dass er vielerorts als „Viehstelze“ bezeichnet wird. Gleich daneben, auf dem Wiesenweg trippelt ihre Verwandte, die allseits bekannte schwarzweiße Bachstelze, die in der Höhle einer alten Weide ihr Zuhause hat.

Ein kleiner, braun-grau-gelb gemusterter Vogel mit Stummelschwanz und aufgeregtem Knicksen fliegt vor dem Menschen von Pfahl zu Pfahl, stets nur kurz verweilend, um sofort in eigentümlichen kurzen Bögen wieder ein paar Meter weiter zu fliegen, wenn der Zweibeiner sich in Bewegung setzt. Das Braunkehlchen hat das hohe Gras des Wiesenraines zum Brutplatz gewählt, jenen schmalen Streifen zwischen Koppel und Weg, der von den Rindern nicht abgegrast wird und für die Mähmaschine nicht erreichbar ist. Hier, im Schutz der Gräser wird es seine Brut großziehen. Verwandt mit Drosseln und Hausrotschwanz, ist das Braunkehlchen ein typischer Bewohner des extensiv genutzten Graslandes, wo es als Ansitzjäger über den Halmen genügend Insekten findet.

Ein sonderbares Geräusch dringt an das Ohr des Spaziergängers. Wie das weit entfernte Meckern einer Ziege klingt es, dann wieder sonderbar vibrierend. Das Auge sucht die Ursache dieses nie gehörten Lautes. Hoch oben, dem Beobachter kaum sichtbar, schwebt ein dunkler Punkt herab Richtung Erdboden. Ein kleines Bündel Federn nur, aber mit deutlich gespreizten Schwanzfedern, in denen sich der Wind fängt, wirbelt, und dieses eigentümliche „Meckern“ hervor bringt. Eine der kleinsten Schnepfen, die Bekassine, warnt hier mögliche Nebenbuhler davor, ihr das gewählte Revier streitig zu machen. Das Fluggeräusch zur Balzzeit hat ihr den Namen „Himmelsziege“ eingebracht. Als Charaktervogel feuchter Wiesen und Viehweiden brütet sie mit mehreren Paaren auf dem Görmitz.

Ebenso ihre große Verwandte, die langschnäblige Uferschnepfe, die wie ein nachdenklicher Philosoph mit schiefgelegtem Kopf unweit davon auf einem Holzpfahl steht. Ein melodisches Flöten erfüllt die milde Frühjahrsluft. Ein krähengroßer, gelbbrauner Vogel mit langem, gebogenem Schnabel umkreist den Wanderer misstrauisch in sicherem Abstand. Der Große Brachvogel ist schon vor Wochen aus dem Winterquartier zurückgekehrt, und warnt seine Jungen, die sich im Gras ducken, vor dem komischen Wesen auf zwei Beinen. Aufgeregt wuchteln die Kiebitze mit ihren runden, schwarzweißen Schwingen über die Weide und lassen dabei das surrende Geräusch ihrer Handschwingen hören, wenn sie nahe genug heran kommen. Empört schreien sie ihr „Kiewit, kiewit!“ über das Grasland, andere Artgenossen warnend, von denen es hier reichlich gibt.

Aber was ist das? Beim Weitergehen fällt eine bunte Gesellschaft ins Auge, die auf einem kleinen sandigen Hügel von kaum einem halben Meter Höhe eine merkwürdige Versammlung abhält. Immer sind einige in Bewegung, andere stehen sich abwartend gegenüber. Die wohl größte Kostbarkeit des Görmitz offenbart sich hier dem Betrachter: eine Gruppe balzender Kampfläufer, die sich mittelalterlichen Turnierkämpfern gleich, mit ihren Lanzen und bunten Federkragen gegenüber stehen. Über allen aber zieht ein majestätischer Greif seine ruhigen Kreise, fast ohne seine gewaltigen, über zwei Meter Spanne messenden Schwingen zu bewegen – der Seeadler, der auf dem Gnitz seinen Horst hat, und in den alten Pappeln am Haubenhorn, der Südspitze des Görmitz, seinen Ruheplatz aufsucht. Weit geht sein Blick über das Achterwasser, hinüber zum Lieper Winkel, zum Weißen Berg und zum Bauer Berg...

So oder ähnlich hat der Besucher die knapp 100 Hektar große Insel im Achterwasser noch vor wenigen Jahrzehnten erleben können!

Die Intensivierung der Landwirtschaft, Düngung der Wiesen, die Entwässerung feuchter Flächen und der Einsatz von Großmaschinen auf großen Flächen haben das Bild auch dieser Vogelinsel verändert. Das abwechslungsreiche Mosaik kleiner Lebensräume ist großen, monotonen Flächen gewichen. Als auf der Halbinsel Gnitz gegenüber dem Görmitz in den 1960er Jahren Erdöl gefunden wurde, schüttete man eine Damm hinüber zur Insel in den Twelen, jenen mehrere hundert Meter breiten Arm des Achterwassers, der den Görmitz von der Insel Usedom trennt. Zwar wurde man auf der kleinen Insel nicht wie erhofft fündig, aber das Eiland war fortan ohne Schwierigkeiten erreichbar. Schon im nächsten Jahrzehnt entstand aus dem alten Gehöft des Inselbauern ein Ferienobjekt eines Greifswalder Großbetriebes. Die Unruhe nahm zu, die Vogelwelt zog sich weiter zurück.

Durch den Damm wurde die Insel nicht nur für den Menschen leichter erreichbar. Wildschwein, Fuchs und Dachs wechselten hinüber und lichteten die Bestände der Bodenbrüter. Empfindliche Arten, das zeigten die Erfahrungen auf anderen Vogelinseln, verließen daraufhin ihre angestammten Brutplätze. Um 1990 tauchte ein neuer Feind der Vogelwelt auf, wie geschaffen für das Leben im Röhricht, im Wasser und an Land: der amerikanische Nerz, auch als Mink bezeichnet. Aus den zahlreichen Pelztierfarmen unseres Landes gewissenlos zu Tausenden freigelassen, war doch sein bis dahin begehrter Balg plötzlich wertlos geworden. Er stieß in eine freie ökologische Nische, die ihm sein ungleich anspruchsvollerer, längst bei uns ausgerotteter Vorgänger, der europäische Nerz oder Sumpfotter, hinterlassen hatte. Hinzu kam der Marderhund, der in den letzten 15 Jahren unsere Insel erreichte, und der Vogelwelt ebenfalls heftig zusetzt.

Die einstigen Charakterarten der Wiesenlandschaft, die Schnepfen, Kiebitze und Brachvögel, sind heute als Brutvögel verschwunden. Auf dem Zuge queren sie die Insel, fallen ein zu kurzer Rast, oder bleiben auch mehrere Tage hier. Nur wenige der Bodenbrüter bekommen auf den arten- und deshalb nahrungsarmen Agrarflächen ihre Jungen satt. Aber noch sind sie da, die Lerchen, Pieper und Stelzen. Dutzende Graugänse verbringen den Sommer im Grasland, um ungestört zu mausern. Dort wo die Kühe nicht bis ans Wasser heran weiden und den Schilfgürtel der Insel niedergetreten und abgefressen haben, dringen lebhafte Stimmen aus dem Rohr. Der Drosselrohrsänger ist weithin zu hören, Teich- und Schilfrohrsänger sind zwar leiser, aber umso zahlreicher vertreten.

Der Rohrschwirl lässt sein nasales Schnarren ertönen. Ein dünnes „Zieh“ dringt aus dem Rohrwald. Die Beutelmeise, einer der seltensten Singvögel im Röhricht, wird regelmäßig auf der Insel beobachtet. Ihr pantoffelförmiges Nest pendelt an der Spitze eines Weidenzweiges. Das metallische Schilpen verrät dem Kundigen die langschwänzige Bartmeise im Dickicht des Schilfs, nur selten ist sie für Augenblicke zu sehen. Sie zählt ebenso zu den Raritäten dieses Schutzgebietes wie der Karmingimpel, ein Einwanderer aus Asien und dem Osten. Als einer der letzten Zugvögel kommt er Ende Mai aus dem indischen Winterquartier. Erst durch sein helles Flöten macht er sich bemerkbar. Dort wo Schilfgürtel, Gebüsch und Ufersaum aufeinander treffen, findet man diesen Finkenvogel, dessen Männchen ebenso farbenprächtig ist, wie das Weibchen unscheinbar graubraun.

Eine Bestandsaufnahme der Vogelwelt hat für die Insel Görmitz über 50 Arten von Brutvögeln nachgewiesen. Darunter sind auf engem Raum fast alle typischen Arten der mitteleuropäischen Feldflur, von der behäbigen Grauammer, der „dicken Trin`“ bis zum Sprosser, der wie kein anderer Singvogel im Mai und Juni anscheinend keinen Schlaf braucht, da man seinen ebenso kräftigen wie melodischen Gesang rund um die Uhr zu hören meint.

Als im Jahre 1992 die ersten Vorbereitungen für die Gründung des Naturparkes Insel Usedom begannen, wurde der Görmitz als eines der fast unberührten Refugien unserer Insel als Naturschutzgebiet vorgeschlagen. Die Lage im Achterwasser, ihre Vergangenheit als wichtiges Vogelbrut- und Rastgebiet und ihre geringe Erschließung sprachen dafür, der Insel einen besonderen Schutzstatus zu geben. Die immer noch reiche Vogelwelt war ein Beweis für die Qualität dieses Lebensraumes, umso mehr, als weite Teile der Insel Usedom zunehmend intensiver wirtschaftlich und touristisch in Anspruch genommen wurden. So erfolgte im Jahre 2001 die Ausweisung des Görmitz zum Naturschutzgebiet, dem 14. im Naturpark Insel Usedom.

Die Insel hat in den letzten Jahren mehrfach den Besitzer gewechselt. Nun geht es darum, Pläne zur touristischen Nutzung der Insel mit den Erfordernissen des Natur- und Landschaftsschutzes in Einklang zu bringen – mit den geringsten Verlusten für unsere Natur.

Dazu gehört bei einem solchen Vorhaben auch, nach Möglichkeiten zu suchen, Wunden zu heilen, die der Landschaft geschlagen wurden. Ein Beispiel dafür ist der Damm, der die Insel mit dem Gnitz verbindet. Er verhindert seit über 30 Jahren den Wasseraustausch im Twelen, einem flachen Wasserarm, der seitdem zusehends verschlickt. Seine Öffnung würde sich für die Situation der Lebensgemeinschaften über und unter Wasser deutlich verbessern.

Nach wie vor ist der Görmitz als Naturschutzgebiet ein Stück Usedomer Kulturlandschaft, von der Eiszeit geschaffen, durch Menschenhand geformt. Sie sind rar geworden, die Gebiete, auf die der Mensch wenig oder gar keinen Einfluss nimmt. Als Rückzugsräume für unsere Tier- und Pflanzenwelt sind sie heute so wertvoll wie nie zuvor!

Text und Foto © Dirk Weichbrodt

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