Insel Usedom: Natur im Wandel

Uhu Insel Usedom Uhus sind wieder auf der Insel Usedom beheimatet

Auf der Insel Usedom war der 26. April 2007 ein besonders schöner Frühlingstag, wie ihn die Meteorologen mit dem „Ostsee-Frühling“ als regelmäßig wiederkehrende Wetterlage in dieser Jahreszeit für die pommersche Küste beschreiben. Eine Hochdrucklage über dem Baltischen Meer sorgte für Sonnenschein auf Usedom, leichter Wind trieb nur wenige Schönwetterwolken vor sich her. Über den Wiesen stiegen die Lerchen empor, seit einer Woche segelten die zurückgekehrten Schwalben über der Insel Usedom. Erste Urlauber schlenderten an den Stränden entlang und genossen auf den Promenaden die Sonnenstrahlen.

Und doch war es ein schwarzer Tag für die Usedomer Natur. An diesem Tag wurde das Nest des letzten Brachvogelpaares beim Walzen der Wiesen von schwerer Technik zerquetscht. Die beiden letzten Großen Brachvögel, die über Jahre immer wieder aus dem Winterquartier auf die Insel zurückkehrt waren, hatten ihr Gelege verloren. Kurz darauf verließen sie die Peenewiesen - ihren angestammten Lebensraum. Wieder hatte die Insel Usedom eine ihrer über Jahrhunderte prägenden Arten verloren, unbemerkt von den allermeisten unserer Zeitgenossen. Verklungen der melodische Ruf dieses größten Schnepfenvogels unserer Heimat, noch vor 50 Jahren eine Charakterart der Wiesen und Viehweiden, von unseren Großeltern „Regenvogel“ genannt, seines weithin flötenden Rufes wegen, von dem man annahm, er deute auf nahenden Regen hin. Er steht mitten in einer langen Reihe von Arten. In den letzten Jahrzehnten sind ihm seine Verwandten, die Uferschnepfe und Rotschenkel voran gegangen, Kiebitz und Strandläufer werden ihm wohl in wenigen Jahren folgen.

Blickt man in die Chroniken unserer Insel, in die Berichte von Naturforschern und Jägern aus den beiden letzten Jahrhunderten, so muss man beinahe ungläubig feststellen, welcher Reichtum an Fauna und Flora unserer Landschaft verloren gegangen ist. Die heute schon zum Modewort verkommene und zu fast jedem Zweck ins Feld geführte „Kulturlandschaft“ unserer Tage hat mit der historisch gewachsenen und extensiv genutzten pommerschen Landschaft der vergangenen Jahrhunderte ebenso wenig gemein, wie sie mit ihr fälschlicherweise gleich gestellt und in einem Atemzuge genannt wird. Die intensiv genutzte und entwässerte Landschaft unserer Zeit hat mit der kleinräumig gestalteten und mit ungleich weniger Intensität bewirtschafteten Nutzlandschaft vergangener Zeiten so viel zu tun wie eine Oase mit der sie umgebenden Wüste. Oft genug ist sie nur noch eine ausgeräumte und begradigte Agrarsteppe, ein entwässertes und degradiertes Moor oder ein Holzacker, der mit wirklichem Wald kaum etwas zu tun hat. Ein Blick in die naturwissenschaftlichen Abhandlungen des 19. und des frühen 20. Jahrhunderts zeigt das Ausmaß der Verluste. Einige Beispiele aus unserer Vogelwelt sollen das Drama veranschaulichen.

Küstenseeschwalbe Insel UsedomEinerseits sind die Gefiederten die wohl am besten dokumentierte Artengruppe unserer Tierwelt, daneben kommt vielen Vogelarten aber auch die Rolle von Indikatoren der Umweltsituation zu. Sichtbare Bestandsrückgänge sind oft die ersten Anzeichen für die bis dahin oft verborgen gebliebenen, schleichenden Veränderungen unserer Umwelt. Natürlich, wer von uns braucht schon den Brachvogel oder den Uhu? Wen interessiert eigentlich das Verschwinden der Großtrappe aus unseren Fluren, jenes imposanten Vogels, dessen Beobachtung im freien Feld zu den unvergesslichen Erlebnissen jedes Naturfreundes zählt und der kaum einen messbaren Nutzen denn den als Jagdbeute vergangener Zeiten hatte? Bis vor wenigen Jahren lebte noch ein inzwischen hochbetagter Landwirt, der als kleiner Junge mit seinem Großvater im Usedomer Winkel um 1920 auf Trappenjagd war. Diese Erzählung klingt heute fast unglaublich, da es nur noch 100 Stück dieses schwersten flugfähigen Vogels der Welt in Deutschland gibt. Hat jemand, außer dem Fischer und ein paar Ornithologen, gemerkt, dass die Trauerseeschwalben vom Gothensee 1997 ihren letzten Brutplatz auf Usedom aufgegeben haben? Brauchen wir denn diese Arten überhaupt? Wozu sind sie nütze? Steht uns diese Frage überhaupt zu?

Darüber zu entscheiden, welche Art wir brauchen, welche „nutz“-los ist oder uns egal sein kann, darf nie unsere Aufgabe sein. Die Roten Listen der selten gewordenen, bedrohten und schließlich verschwundenen Arten sind in den letzten Jahren immer länger geworden. Hin und wieder geht eine Notiz durch die Zeitungen, wenn eine spektakuläre, meist große oder zumindest bekannte Art aus einem Gebiet verschwindet. Die meisten aber schaffen es gar nicht bis in die Schlagzeilen, sie verschwinden still, unbemerkt von den meisten. Allein auf Usedom sind es mehr als zwei Dutzend Vogelarten, die während der letzten 100 Jahre ihre Brutplätze aufgegeben haben.

Wer kennt schon noch die in prächtigen Farben leuchtende Blauracke, die noch vor 50 Jahren bei Kamminke, Pudagla und Stolpe vorkam? Ihre Nahrung, die Großinsekten der Wiesen und Feldraine, ist ebenso knapp geworden, wie die Höhlenbäume am Waldrand. Die tagaktive Sumpfohreule mit ihren großen gelben Augen war bis in die 1960er Jahre im Thurbruch ebenso zu Hause, wie am Zerninsee oder am Usedomer See. Heute gibt es in ganz Mecklenburg-Vorpommern keinen Brutnachweis mehr. Der gaukelnde Flug der eleganten Wiesenweihe und der noch schlankeren Kornweihe war ein normales Bild in der einzelbäuerlichen Landwirtschaft. Auf mehrfach mit Chemikalien gespritzten Äckern und kurzgrasigen Wiesen mit 3 Silageschnitten haben diese Greife heute nicht einmal mehr Zeit, ein Gelege zu zeitigen. Rebhühner, die mit ihren Küken über den (inzwischen asphaltierten) Feldweg huschen, sucht man heute wohl auf ganz Usedom vergeblich.

Weißstorch Insel UsedomDie zierliche Zwergseeschwalbe, eine Möwenverwandte, ist der ständigen Beunruhigung am Peenemünder Haken genauso gewichen, wie der Uhu den gegen ihn gerichteten sinnlosen Ausrottungsfeldzug nicht überlebt hat. Noch in den 1930er Jahren wurde in Jagdzeitschriften zum Abschuss des Weißstorchs als einem angeblichen Schädling des „Niederwildes“ aufgerufen. Heute leidet Adebar unter akutem Nahrungsmangel in unserer über Jahrzehnte trockengelegten „Kulturlandschaft“ und bekommt seine gerade geschlüpften Jungen nicht mehr satt.

Inzwischen sind es aber nicht mehr die Raritäten, die nur Vogelkundler, Jäger oder Fischer kennen, die aus unserer Landschaft verschwinden oder sichtbar im Bestand abnehmen.

Noch heute erzählen Fischer auf Haff und Achterwasser von großen Ansammlungen und Brutkolonien des Haubentauchers, eine Zählung vor wenigen Jahren dagegen ergab für die Insel und ihre Gewässer ganze 49 Brutpaare! Die Zahl der Feldlerchen ist in den letzten 30 Jahren auf weniger als die Hälfte geschrumpft, Ergebnis der „guten fachlichen Praxis“ der intensiven Landwirtschaft, ähnlich geht es der Schafstelze im Grünland. Den brachialen Einsatz schwerer Holzerntetechnik selbst zur Zeit der Brut und Jungenaufzucht der Vögel und der Tiere des Waldes als „naturnahe und nachhaltige Forstwirtschaft“ zu betiteln – womöglich noch mit Zertifikat für Umweltfreundlichkeit! – ist schon ein starkes Stück, sieht man sich ein solches Waldstück mit den in den Waldboden gedrückten und plattgefahrenen Nestern von Gimpel, Buchfink und Sperber danach einmal an.

Seeadler Insel UsedomDa mutet es schon wie ein Wunder an, dass es durch den gemeinsamen Einsatz von Vogelkundlern und einer Reihe von Forstleuten gelungen ist, eine Art wie den Seeadler über Jahrzehnte in ihrem Bestand zu sichern. Dabei spielte sicher auch die gesamte Erscheinung des Adlers eine entscheidende Rolle. Einen Adler zu schützen ist natürlich viel spektakulärer, als irgendeine Rallenart, die sowieso kaum jemand kennt...

Naturschutz ist auch immer das Spiegelbild wirtschaftlicher Prioritäten und gesellschaftlicher Entwicklungen. Als im vergangenen Jahrhundert die Versorgung der Bevölkerung mit Grundnahrungsmitteln erklärtes Ziel der Politik war, gerieten die letzten Stücken Brachland und die letzten intakten Moore ins Visier der Landnutzung. Um jeden Preis, koste es, was es wolle, wurde die Produktion gesteigert. Mit dem Ziel der hundertprozentigen Nutzung der Landschaft wurden Sölle zugeschüttet und -gepflügt, sogar flache Seen abgelassen, um aus den Seeböden Grasland zu machen. 1850 wurde im Gothensee geackert! Der Zerninsee unweit Swinemünde ist ein weiteres beredtes Beispiel für den allumfassenden menschlichen Nutzungsanspruch. Mit oftmals in keinem Verhältnis zum erwarteten Nutzen stehenden Aufwand wurde Unland - welch ein Wort - urbar gemacht. Oft wurde mehr Saatgetreide ausgebracht, als später eingefahren. So verschwand eine Nische nach der anderen, in der die „Spezialisten“ aus unserer Tier- und Pflanzenwelt Zuflucht gefunden hatten, Arten, deren Lebensräume in der technisierten und mit Chemikalien behandelten „Kulturlandschaft“ längst verschwunden waren. Profitiert haben davon einige Wenige, die „Generalisten“, Arten, die fast überall leben können. Ringeltaube und Lachmöwe gehören dazu, auch Buchfink und Amsel. Das Gros unserer Vogelwelt befindet sich auf breiter Front auf dem Rückzug.

Aber es gibt auch Hoffnung! Längst wird nicht mehr jeder Hektar des einstigen Nutzlandes zur Ernährung der Bevölkerung gebraucht. Der Klimawandel fordert Gegensteuern von uns. Der Blick richtet sich dabei nicht nur auf Industrie, private Wohnungen und den Fahrzeugverkehr. Seit Jahren ist bekannt, dass die über Jahrhunderte betriebene, mühsame Trockenlegung unserer Moore zur Schrumpfung der gewaltigen Torfschichten führt. Dabei werden in Mecklenburg-Vorpommern solche Mengen an klimaschädigenden Gasen freigesetzt, dass der Schadstoffausstoß aller Kraftfahrzeuge im Lande übertroffen wird. Die einst intakten Moore sind so von aktiven Kohlenstoffsenkern, in denen C02 gebunden wurde, zu den größten biochemischen Schadstofflieferanten für unsere Atmosphäre geworden. Das Land Mecklenburg-Vorpommern mit seinen ausgedehnten entwässerten Mooren ist zum Vorreiter eines Moorschutzprogrammes geworden, mit dem seit 1995 bereits Zehntausende Hektar wieder renaturiert wurden, also naturnahe Wasserverhältnisse hergestellt wurden. Ein kleiner Ausgleich für das, was der Natur seit Generationen genommen wurde. Noch erstaunlicher, mit welcher Dynamik die Natur die zurückgegebenen Flächen wieder in ihre Kreisläufe einbezieht. Nach wenigen Jahren kehren plötzlich Arten zurück, die lange verschwunden waren, oder sich sogar neu ansiedeln.

Haubentaucher Insel UsedomFür uns, die wir in den Zeiträumen menschlicher Generationen denken, ist es natürlich ungewohnt, wenn dann plötzlich Bäume absterben, die im entwässerten Moor wachsen konnten, allerdings nur, weil es über Jahre entwässert wurde. Das soll Natur sein? Aber weder wird hier die Kulturlandschaft zerstört noch die angebliche Artenvielfalt, sondern dem geschädigten Moor wird das Wasser zurückgegeben - Wasser ist Leben! Und es gibt auch nicht das oft zitierte, für uns so bequeme „natürliche Gleichgewicht“, mit dem sich alle arrangiert hatten, und das ja meist nur die der wirtschaftlichen Nutzung angepasste Sondersituation einer Landschaft meint, noch dazu in der „Kulturlandschaft“ von heute fast stets durch eine erschreckende Artenarmut gekennzeichnet. In der Natur herrscht ständige Veränderung, ein täglich neues Austarieren sich gegenüber stehender Kräfte. Wir sollten versuchen, unserer Natur kleine Teile dessen zurück zu geben, was wir ihr über Jahrhunderte entrissen haben. Teile, die wir entbehren können und vor denen wir in wenigen Jahren stehen und staunen können - über die Farben, Formen und Stimmen unserer lebendigen Umwelt.

Text: Dirk Weichbrodt, Fotos © Dieter Haugk (Uhu, Seeadler), Michael Blaser (Küstenseeschwalbe), Hans Peter Dehn (Weißstörche), Re.Ko. (Haubentaucher), alle PIXELIO

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