Der Namenlose See auf Usedom

Der Namenlose See auf Usedom Schwanfamilie am Wolgastsee auf der Insel Usedom

Ältere Insulaner und Kenner der Insel Usedom und des pommerschen Küstenraumes sind überzeugt davon, dass die Natur und das Wetter einem bestimmten Rhythmus folgen – Ausnahmen bestätigen auch hier jede Regel! So folgen auf mehrere niederschlagsreiche Jahre dann eine Reihe eher trockener, auf mehrere kalte Winter meist solche, die milder sind, wobei natürlich Niederschlag und Temperatur ursächlich zusammenhängen. Ob die Naturphänomene dabei einem Fünf-Jahres-Turnus oder doch dem viel beschworenen Sieben-Jahres-Rhythmus folgen, mag jeder für sich entscheiden.
Dass die Natur dabei letztlich immer „den längeren Arm“ hat und jede scheinbar noch so feststehende Gewissheit menschlicher Tätigkeit und aller selbsterfundenen Regeln bisweilen in kürzester Frist für belanglos erklärt, haben wir vor kurzem wieder erleben müssen. Als die Flüsse in Süd- und Mitteldeutschland über die Ufer traten, nahm sich das Wasser den Raum, den der Mensch ihm verwehrt, natürlich immer mit „guten“ Begründungen. Land ist nicht vermehrbar und die intensive Nutzung desselben für die Menschen viel attraktiver, als es eine zinslose Überlassung für die Natur und ihre zeit- und raumgreifenden Prozesse wäre. Sei es nun Räume für Überflutungen bereit zu stellen, oder die Bildung von Mooren zu zulassen, diese Dinge sind dem in Quartalen und Jahren denkenden Menschen kaum vermittelbar, denn sie erscheinen oftmals auf kurze Sicht nicht rentabel, und deshalb nicht lohnend. Bisweilen jedoch nimmt sich die Natur den Raum, der ihr verwehrt wird, binnen weniger Jahre selber. So geschehen im November 1995, als über Nacht mehr als 2500 Hektar im Anklamer Stadtbruch „Land unter“ gingen. Bis heute ist dort ein einzigartiger Naturraum entstanden, der in Norddeutschland seinesgleichen sucht.

Das Thurbruch auf Usedom

Wasserwerk SwinemündeEin beeindruckendes Beispiel findet man auch auf unserer Insel Usedom, freilich „im Kleinformat“. Am Ostrand der deutschen Insel Usedom ist die Grenze zum polnischen Inselteil vor einigen Jahren buchstäblich „ins Wasser gefallen“ – nachdem sie schon 2004 ihren trennenden Charakter weitgehend verloren hatte. Man sieht auf einer langen Strecke nicht einmal mehr die Grenzpfähle. Östlich von Korswandt, zwischen Wolgastsee und dem Swinemünder Wasserwerk, beginnt das jüngste Usedomer Binnengewässer, das noch keinen passenden Namen hat. Der neue See beginnt unmittelbar hinter dem Rundweg, der um den Wolgastsee führt. Beiderseits der Grenze erstreckt sich auf rund 10 Hektar ein Waldsee, der in den letzten beiden Jahren seine Fläche langsam, aber stetig vergrößert hat. Er endet an der Bollbrücke, also an der alten Poststraße nördlich des Zerninsees, auf der übrigens schon Theodor Fontane 1827 nach Swinemünde reiste. Geschichtlicher Boden allerorten also, und passend dazu ein Auszug aus den Notizen des Hauptmanns W. Kranz (Swinemünde), die er über die Entstehungsgeschichte dieser Landschaft 1912 verfasste: „Das Thurbruch … war ursprünglich Teil der großen Wasserfläche zwischen den einzelnen Inselkernen, sie stand durch einen schmalen Arm beim Wolgastsee mit der Zernin-Bucht in Verbindung“.
Eben dieser schmale Arm zwischen den beiden genannten Seen, entstanden während der Eiszeit, inzwischen als Flachmoor natürlich längst verlandet und von meterstarken Torfschichten gefüllt, bot im 18. Jahrhundert offenbar eine praktikable Lösung zur Trockenlegung und Urbarmachung des Thurbruchs. Der Plan, das größte Niedermoorgebiet der Insel Usedom über diese natürliche Senke zu entwässern, wurde schon 1738 zu Papier gebracht. Unter Friedrich dem Großen wurde die Neulandgewinnung durch die Trockenlegung großer Moore dann zu einer Aufgabe von staatlichem Rang erhoben. 1750 wurde der Landbaumeister Knüppel beauftragt, das alte Projekt wieder aufzunehmen. Vom Kachliner See aus wurde der nach ihm benannte „Knüppelgraben“ in weitem Bogen zum Wolgastsee gezogen, und von dort weiter entlang der natürlichen Senke zum Zerninsee geführt. Eine Strecke mit natürlichem Gefälle, weil die Moorböden noch nicht - wie heute - gesackt waren, und mehr als einen Meter höher lagen. Über eine Länge von mehr als 10 Kilometern aber auch ein Wasserabfluss mit hohem Pflegeaufwand, der in vollständiger Handarbeit unterhalten werden musste.
Schwarzes HerzBestand hatte diese Lösung nur etwa 20 Jahre, bis 1772 ein neues Projekt zur Entwässerung des Thurbruches begonnen wurde – die Wasserableitung über Gothensee und Aalbeek. Der alte Graben zwischen Wolgast- und Zerninsee hatte seine Bedeutung verloren und verfiel. Im 19. Jahrhundert wurde sein Verlauf südlich um den Torfkanal bis zum Haff verlängert, um den im Swinemoor gestochenen Brenntorf abtransportieren zu können. In Folge der Wasserabsenkung wurde der alte Südteil des Wolgastsees abgetrennt, der heutige Schwarze Herz- See war entstanden. Durch Wasserablassung wurde seine Fläche zu DDR- Zeiten noch weiter verringert, wie auch die zahlreichen kleinen Waldmoore ausgetrocknet werden sollten, die in den Buchenwäldern Ost-Usedoms versteckt liegen. Die tiefen Gräben, die dafür durch die Endmoränenzüge gegraben wurden, sind Zeugnisse dieses Naturfrevels.
Die Senke zwischen Wolgast- und Zerninsee wuchs mit Erlen und Weiden zu. Jahrzehnte vergingen, in denen auch der Zerninsee immer mehr an Fläche verlor, beschleunigt durch ein System von Gräben, die den See nach 1840 zum Haff hin entwässerten. Die intensive Landwirtschaft im Thurbruch und die Trockenlegung der Haffwiesen beschleunigte diese Entwicklung im 20. Jahrhundert noch. Eine wesentliche Rolle beim Absinken des Wasserspiegels aller genannten Seen spielt mit Sicherheit auch die Inbetriebnahme des Wasserwerkes im Jahre 1910 für die im 19. Jahrhundert rasant gewachsene Stadt Swinemünde. Am Ostufer des Wolgastsees gelegen, hat seine Pumptätigkeit deutlichen Einfluss auf den Grundwasserstand und die Spannung des Grundwasserleiters in diesem Gebiet.

Gründe für die Entstehung des Sees

Die Wasserfassung „Swinemünde West“ oder auch „Granica“ (Grenze) wie sie in Swinemünde heute heißt, wird aber seit fast 10 Jahren nur mehr mit „halber Kraft“ genutzt. Zu groß ist die Sorge, das Wasserreservoir für die Inselstadt zu stark zu beanspruchen. Schon wurden chemische Auffälligkeiten gemessen, Versalzung des Trinkwassers drohte. Und nun kommen die eingangs erwähnten periodischen Wetterphänomene der Natur ins Spiel. Das Jahr 2007 brachte überdurchschnittliche Niederschläge, ebenso wie einige der darauf folgenden Jahre. Zusammen mit der verminderten Schöpfleistung des unmittelbar hinter der Grenze liegenden Wasserwerks stieg im Gebiet somit das Wasserdargebot. Allmählich füllten sich seit Jahrzehnten trocken liegende Senken. Erst unauffällig, im Untergrund, trat nach Monaten, manchmal auch erst nach Jahren, das Wasser an die Erdoberfläche, und wurde nun auch für das menschliche Auge sichtbar. Ein großes Rätselraten über die Ursachen hob an, bis hydrologische Untersuchungen, Dauermessungen an installierten Pegeln und Datenaustausch der deutsch-polnischen Umweltkommission das Puzzle zusammenfügten.
Umarmende Bäume im Usedomer AchterlandNoch in den 1960er Jahren konnte man mit dem Boot bis fast an den Damm am Ostufer des Wolgastsees fahren, berichten ältere Einwohner der Insel. Dann sank der Wasserstand im See um mehr als einen Meter, beklagte man allgemein noch in der 1990er Jahren. Nun, 2013 ist der „alte“ Wasserstand fast wieder erreicht. Gut für den See, das Zuwachsen vom Rand her wird so aufgehalten.
Wasser im Wald bedeutet wertvolle Lebensräume in unserer intensiv genutzten, oftmals ausgeräumten Landschaft. Viele Tier- und Pflanzenarten sind auf diese Refugien angewiesen. Darüber hinaus ist Trinkwasser ein knappes Gut, das noch wertvoller werden wird, zumal auf einer Tourismusinsel wie Usedom. Wasserspeicherung und Grundwasserneubildung, unbelastet von Agrarchemikalien, zählen deshalb zu den wichtigsten Aufgaben, die unsere Wälder quasi gratis für uns erfüllen. Daran sollten all jene denken, die „das Wasser wieder aus dem Wald heraus“ haben wollen, wie in vergangenen Zeiten. Die Natur der Insel Usedom hat mit dem Namenlosen See in jedem Fall dazu gewonnen!

Text und Fotos: Dirk Weichbrodt

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