Kormoran - Vogel des Jahres 2010

Kormoran - Vogel des Jahres 2010 Kormoran - Vogel des Jahres 2010

Die Insel Usedom mit dem Naturpark Insel Usedom ist ein wahres Naturparadies, in dem sich auch der Kormoran, der Vogel des Jahres 20100, sehr wohl fühlt. Es ist zur guten Tradition geworden, dass der Naturschutzbund Deutschland (NABU) und der Landesbund für Vogelschutz in Bayern (LBV) alljährlich den „Vogel des Jahres“ küren. Schon seit 1971, also mittlerweile schon 40 Mal, werden so Vogelarten in das Licht der Öffentlichkeit gestellt, die in Deutschland bedroht sind oder aber beispielhaft für ganze Lebensräume und Lebensgemeinschaften stehen. Begonnen hatte alles 1971 mit dem Wanderfalken, der in Deutschland unmittelbar vor seiner Ausrottung stand. Imposante Arten wie der Kranich und das Birkhuhn waren darunter, einstige „Allerweltsarten“ wie Rebhuhn und Kiebitz gehören dazu, der (im Westen beinah ganz verschwundene) Weißstorch stand sogar schon zweimal im Mittelpunkt des Interesses. Begleitet wird diese Aktion stets mit landesweiten Kampagnen in den Medien, um die Art und ihren Schutz in das öffentliche Bewusstsein zu bringen. Wenn auch ein unscheinbarer Vogel aus der Familie der Spechte - der Wendehals - mindestens ein Jahr zu früh gekürt wurde (1988), waren es doch immer wieder gelungene Aktionen, die kaum auf gesellschaftlichen Widerspruch trafen, je nachdem, wie populär die gewählte Vogelart war und wie gut man sie der „Öffentlichkeit“ nahe bringen konnte.

Diesmal sollte alles anders sein. Als im Oktober 2009 die beiden Verbände den Kormoran als „Vogel des Jahres 2010“ der Presse vorstellten, schlug diese Mitteilung ein wie eine Bombe. Mit dieser Wahl hatte man ein gesellschaftlich brisantes Thema in das Licht der Öffentlichkeit gerückt, zu dem fast jeder eine Meinung hat. Sozusagen im Gefolge des Kormorans tauchen viele Themen und Fragen auf, zu denen sich viele gesellschaftliche Gruppen äußern wollen. Dabei geht es nicht nur um die beiden vordergründig betroffenen Interessengruppen, die Fischer und die Naturschützer. Es geht auch um grundsätzliche Fragen unseres Verhältnisses zur Natur und um das Erkennen und Akzeptieren natürlicher Zusammenhänge. Aber der Reihe nach.

Bei einer Bootfahrt Ende August 1982 sah ich meinen ersten Kormoran vor Gummlin auf dem Haff. Die ausgebreiteten Schwingen dem leichten Wind zugewandt, hockte er auf einem Reusenpfahl. Es ist die typische Haltung dieser Vogelart - der Vergleich mit einem Urvogel drängt sich dem Betrachter wohl nicht zufällig auf - um sich nach dem Tauchen seine besonders strukturierten Federn zu trocknen. Die Legende, er hätte keine Bürzeldrüse, um wie andere Wasservögel seine Federn einzufetten, wurde erst kürzlich widerlegt. Obwohl wöchentlich mehrmals am Haff unterwegs, hatte ich noch nie einen dieser schwarzen, eigentümlich anmutenden Vögel zu Gesicht bekommen. Diese Beobachtung schien mir so bemerkenswert, dass ich sie im Notizheft rot unterstrich. Ein Jahr darauf konnte ich dann am Strelasund bei Niederhof die einzige Brutkolonie in der damaligen DDR besuchen, mit rund 500 Paaren in einem Feldgehölz streng geschützt.

Kormoran - Vogel des Jahres 2010 Der Kormoran ist bereits im Altertum in Europa weit verbreitet gewesen. Mit der zunehmenden Besiedlung und dem Anwachsen der Bevölkerung in Mitteleuropa wurde ihm ab dem 15. Jahrhundert verstärkt nachgestellt, vor allem an seinen Brutplätzen. Dies steigerte sich bis ins 18. Jahrhundert mit der Ausbreitung leichter Feuerwaffen. Die Bestandszahlen gingen allmählich zurück, wohl zuerst in Süddeutschland, wo er ohnehin seltener war als an der Küste. Im 19. Jahrhundert wurde dem Kormoran dann regelrecht der Krieg erklärt. Mit allen Mitteln vernichtete man seine Nester, seine Brut, seine Jungen, die Altvögel. Feuerwehren spritzten die Nester von den Bäumen, ganze Militäreinheiten rückten zu Massakern aus. Um 1930 war das „Werk“ dann nahezu vollendet: es gab nur noch eine kleine Brutkolonie, auf dem Mahrungsee in Ostpreußen. Trotz erster Schutzbemühungen in Deutschland, Dänemark und Holland gab es nur eine kurze Erholung. Zum Abschuss kamen nach dem Krieg neue Feinde hinzu: Schwermetalle und Pestizide im Wasser und in der Nahrung verringerten den Bruterfolg. Ende der 1970er Jahre war der Tiefststand erreicht. Nur noch 5.000 Paare brüteten in ganz Mitteleuropa.

Die Trendwende kam mit der Unterschutzstellung des Kormorans durch die Europäische Vogelschutzrichtlinie im Jahre 1979. Der Kormoran wurde als „bestandsgefährdete Art“ in allen Mitgliedsstaaten der EU geschützt. Die Bestände begannen sich allmählich zu erholen. Zuerst in den Niederlanden und Dänemark, in den 1980er Jahren dann auch in Deutschland, Schweden und Polen entstanden neue Brutkolonien entlang der Küsten.

Wichtigste Lebensräume in allen genannten Ländern sind große, flache, nährstoffreiche Gewässer. Es ist kein Zufall, dass der Schwerpunkt der (Wieder-) Besiedlung bei uns an der vorpommerschen Bodden- und Haffküste liegt, die mit Abstand größte europäische Brutkolonie am Frischen Haff in Ostpolen. Hinzu kamen die Bereiche der großen Flussmündungen, später auch das Wattenmeer. Der zunehmende und bis heute auf hohem Niveau anhaltende Nährstoffeintrag in die Ostsee und die angrenzenden Küstengewässer hat seit Jahrzehnten eine Zunahme verschiedener Fischarten verursacht, die dem Kormoran als Nahrungsgrundlage dienen. Dazu zählen vor allem Blei und Plötze, Fluss- und Kaulbarsch. Zu Beginn der Brutzeit kommt der Hering als willkommene Beute hinzu, der in großen Schwärmen an unsere Küste kommt. Unter diesen günstigen Bedingungen vervielfachte sich der Kormoranbestand innerhalb der letzten 30 Jahre. In Mecklenburg-Vorpommern stieg die Zahl der Brutpaare von 1.000 (1980) auf fast 14.000 (2009).

Seit Mitte der 1990er Jahre stagniert der Bestand im südwestlichen Ostseeraum, also auch an unserer Küste. Die Zahlen in der mittleren und östlichen Ostsee wuchsen noch einige Jahre, inzwischen ist auch dort die biologische Grenze erreicht. Die Bäume wachsen nicht in den Himmel - auch wenn sie einigen Leuten im Falle des Kormorans schon viel zu hoch sind! Der schwarze Fischer stößt an seine Grenzen. Es wurde nachgewiesen, dass der Dichtestress der Vögel untereinander innerhalb der Brutkolonien zunimmt und der Bruterfolg dadurch sinkt. Die besonders geeigneten Brutbäume sterben mit den Jahren ab, brechen zusammen, und die Vögel müssen auf weniger geschützte Brutplätze ausweichen, in denen sie leichter ihren Feinden zum Opfer fallen. Die Bestände ihrer Nahrungsfische sind geschrumpft, auch dies markiert eine Grenze, die von der Natur gezogen wird.

Von der deutlichen Zunahme der Kormorane ist natürlich ein Berufsstand besonders betroffen: die Kutter- und Küstenfischer und die Teichwirtschaften. Von hier wurde zuerst die Forderung nach einem „Management“ der Art laut, was in der Praxis nichts anderes bedeutet als der Abschuss und die Dezimierung einer nach europäischem Recht geschützten Vogelart. Seit Jahren tobt der Streit zwischen den Vertretern der Fischerei und dem Naturschutz um die tatsächlichen Auswirkungen auf den Fischbestand - und um die Folgen, die sich daraus ergeben. Unstrittig ist inzwischen, dass der Kormoran ein „Nahrungsopportunist“ ist, d.h. er frisst, was er vor den Schnabel bekommt. Auch wenn das Foto mit dem Aal im Schnabel immer wieder gern in der Presse gezeigt wird, ist der schwarze Fischer sehr anpassungsfähig in der Wahl der Beute.

Entscheidend in dieser Diskussionen ist der wirtschaftliche Schaden, der den Fischereibetrieben entsteht. Die Diskussion, ob die vom Kormoran gefressenen Fische nun als Privateigentum (in Teichwirtschaften mit Besatz) oder als Bestandteile der Natur (in den Küstengewässern und der Ostsee) zu sehen sind, ist sicherlich eine juristisch interessante Frage, wenn es um Umfang und Art möglicher Schäden und ihres Ersatzes geht.

Kormoran - Vogel des Jahres 2010 In der Praxis aber hat der Fischer letztendlich weniger vermarktungsfähige Fische im Netz. Damit ist zu den Problemen, die einer der ältesten Berufszweige unseres Landes ohnehin hat, ein weiteres hinzugekommen. Der Wegfall der Stilllegungsprämie, stagnierende Erlöse bei steigenden Kosten, der Preisdruck durch die Konkurrenz aus dem Osten und der Rückgang marktfähiger Fischarten haben einen einst weit verbreiteten Berufsstand in den letzten 20 Jahren dramatisch zurückgehen lassen. Aus den Dörfern am Haff und am Achterwasser ist die Berufsfischerei fast verschwunden. Ein seit Jahrhunderten das Bild der Küste prägender Wirtschaftszweig ist in Auflösung begriffen. Und die wenigen übrig gebliebenen Fischer sind als Wähler für die Politik offenbar nicht so bedeutsam, dass man bereit wäre, sie gezielt zu unterstützen - wie man es in vielen anderen Wirtschaftsbereichen alljährlich mit Milliardensummen ohne große Diskussion macht. Der Tag ist absehbar, an dem die Kurverwaltungen ein Boot als Fotomotiv auf den Strand legen werden, damit das Image der Badeorte gewahrt bleibt und die Postkartenidylle für die Urlauber erhalten wird!

Inzwischen tobt der Kampf zwischen Gegnern und Anhängern des Kormorans weiter - auf dem Rücken des schwarzen Vogels. Die Landespolitiker verschiedener Bundesländer haben auf Druck der Fischereiverbände dem Abschuss des Kormorans zugestimmt, wenn auch zeitlich begrenzt. Das Fachwissen ihrer eigenen Ministerien ignorierend, musste wieder einmal die Natur für die Unzulänglichkeit des Menschen herhalten. Rückfälle ins Mittelalter sind dabei vorprogrammiert. So im Sommer 2005, als im Anklamer Stadtbruch (Naturschutzgebiet!) tausende junger Kormorane von den Horsten geschossen wurden - Aasjägerei in schlimmster Manier! In Deutschland werden mittlerweile etwa 15.000 Kormorane jährlich abgeknallt, ohne sichtbare Wirkung auf den Brutbestand, denn die entstandenen Lücken werden sofort wieder aufgefüllt, durch höhere Bruterfolge und Zuzug aus Nachbarregionen.

Der Kormoran wird für die nächsten Jahre ein interessantes Thema bleiben. Vor der Ausrottung bewahrt, ist er eine Erfolgsgeschichte des Naturschutzes. Für das Selbstverständnis des Menschen und seinen alleinigen Nutzungsanspruch der Natur gegenüber wird der Umgang mit dieser hoch spezialisierten Vogelart ein wichtiger Gradmesser sein. Wie bei Wolf, Luchs und anderen Arten wird sich hier zeigen, ob wir akzeptieren können, dass es nicht unser Recht allein ist, die Ressourcen der Natur zu nutzen. In der Natur gibt es kein Gleichgewicht, sondern Bedingungen, die sich ändern und ständig neu ausbalanciert werden müssen.

Wenn die Diskussion um den „Vogel des Jahres“ hier ein Nachdenken bewirkt, dann ist mehr erreicht, als in vielen Jahren zuvor!

Text: Dirk Weichbrodt, Fotos: Stihl, G.M., Katharina Hopp, alle pixelio.de (v.o.n.u.)

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