Klimawandel – auch auf Usedom

Klimawandel – auch auf Usedom Klimawandel – auch auf Usedom

(Insel Usedom) Der frühe Winter 2010/11, der die Insel Usedom bereits Ende November in ein weißes Schneekleid hüllte, erinnert fatal an seinen Vorgänger, beide scheinen die Prognose von der globalen Erwärmung auf den Kopf zu stellen. Dennoch ist diese Tendenz unstrittig und schon lange unter Beobachtung, seit vergleichsweise kurzer Zeit rücken auch deren Konsequenzen für den Alltag stärker in das öffentliche Bewusstsein.

Seit 2009 befasst sich die Planungsregion Vorpommern, zu der die Insel Usedom gehört, als eine von bundesweit acht Modellregionen mit den Auswirkungen des Klimawandels auf die uns umgebende Umwelt, versucht Antworten zu geben auf Fragen nach der Entwicklung von Temperatur und Niederschlag, nach der Zukunft von Landwirtschaft, Wasserhaushalt und Infrastruktur. Der bis 2100 prognostizierte Meeresspiegelanstieg wirft im Extrem sogar die Frage nach der weiteren Existenz der Insel Usedom auf! Ende November 2010 stellten die Akteure bisherige Ergebnisse in einem Zwischenbericht zusammen und gaben damit Denkanstöße auch für alle, die Usedom als Bewohner oder Touristen für einen der schönsten Flecken Deutschlands halten.

Die folgenden Zahlen geben einen Überblick über die prognostizierten Veränderungen:
Wirkfaktor. Prognosewert bis zum Jahr 2100
Meeresspiegelhöhe. + 50 cm

Temperatur in °C:
Frühling: + 2,3
Sommer: + 3,1
Herbst: + 3,1
Winter: + 3,5
Jahr: + 3,0

Sommertage (25 °C9: + 16,8
Heiße Tage (30°C): + 5,8
Tropische Nächte (20°C):+ 8,9

Niederschlag (mittl. Änd.):
Frühling: + 9 %
Sommer: - 17 %
Herbst: + 14 %
Winter + 30 %

Eistage: - 15,6
Frosttage: - 34,5
Schneefall: - 82 %

Auf den ersten Blick scheinen hier für Usedom (sub)tropische Zeiten bevorzustehen, mit verlängerter Badesaison und vielleicht sogar unter Palmen. Erst der zweite Blick führt zur Realität zurück. Eine Erhöhung der Lufttemperatur und geringerer Niederschlag haben zunächst Auswirkungen auf die Artenvielfalt der Tier- und Pflanzenwelt, wärmeres Wasser beeinflusst nicht nur das Wohlbefinden des verwöhnten Urlaubers, sondern auch die Zusammensetzung und das Wirken von Mikroorganismen im Meerwasser. Angesichts der Wachstumsprognosen des Tourismus steht die Sicherung des Trinkwasservorrats durch absoluten Schutz der vorhandenen Trinkwasserschutzgebiete auf der Tagesordnung. Waldmehrung dient nicht nur der Neubildung von Grundwasser als der wichtigsten Trinkwasserquelle, sondern ist auch als Gegengewicht zu den klimatischen Veränderungen für die Natur und für die Bindung von Kohlendioxid wichtig. Angesichts der zu erwartenden Temperaturveränderungen ist die Erhaltung und Neubildung von Feuchtgebieten ebenfalls eine erforderliche Maßnahme.

Gerade der prognostizierte Meeresspiegelanstiegs wirft mehrere Fragen auf. Das abgebildete Szenario illustriert die existenzielle Bedeutung des Küstenschutzes für die Zukunft Usedoms vor allem vor dem Hintergrund, dass auch die Zahl der extremen Wetterereignisse wie Sturmhochwasser zunehmen wird. Das Land ist nur verpflichtet, zusammenhängende Siedlungsgebiete vor Hochwasser zu schützen. Hier muss vor allem die Planung künftiger Bauten außerhalb dieser Gebiete, in Splittersiedlungen oder in nicht durch Deiche geschützten Außenbereichen einer Prüfung unterzogen werden.

Sehr differenziert wird im vorliegenden bericht die Wirkung von Ausdeichungen bewertet. Einerseits seien sie „vorteilhaft“ für die Entwicklung der biologischen Vielfalt, andererseits würden dadurch „wichtige und berechtigte kulturlandschaftliche und siedlungshistorische Aspekte“ verkannt. Ein solcher Konfliktpunkt sind die Pläne zum Rückbau des Peenestrom-Deiches zwischen Karlshagen und Peenemünde, gegen dessen negative Auswirkungen auf den Hochwasserschutz der gesamten Region zwischen Peenemünde und Zinnowitz, die weltweit bedeutsame Denkmallandschaft Peenemünde sowie angesichts der unkalkulierbaren Wechselwirkungen mit militärischen Altlasten in diesem Gebiet sich der geschlossene Widerstand der dortigen Bevölkerung und auch vieler Fachleute richtet.

Unmittelbar für den Tourismus ergeben sich kaum spezifische Konsequenzen, sie entsprechen im Wesentlichen denen für die Bevölkerung insgesamt. Eine Erhöhung der Luft- und Wassertemperaturen käme aber wohl insgesamt für die Urlaubsdestination Usedom nicht ungelegen. Von elementarer Bedeutung ist die Erhaltung des Strandes als Tourismusziel Nummer eins. Der größte Teil der Usedomer Außenküste ist vom Küstenabtrag betroffen, vor allem die Kliffküsten am Streckelsberg bei Koserow und dem Langenberg bei Bansin. Der dort abgetragene Sand wird küstennah nach Nordwest bzw. Südost an die Strandbereiche von Peenemünde/Karlshagen und Ahlbeck/Swinemünde transportiert, die stetig breiter werden, die dortigen Dünen sind unverzichtbarer Bestandteil des Küstenschutzes. Der ungehinderte Sandtransport entlang der Usedomer Außenküste ist also auch Teil des Küstenschutzes und bei jeglichen Bau-Plänen an der Außenküste, wie z.B. einer Marina, zu berücksichtigen. Die Wirkungen des Meeresspiegelanstiegs für den Strand sind bisher nicht absehbar.

Das Modellvorhaben „Raumentwicklungsstrategien für den Klimawandel“ in der Region ist ein erster Schritt auf dem Weg, sich mit künftigen Anforderungen komplex auseinanderzusetzen und wartet mit konkreten, regional umsetzbaren Vorschlägen auf. Es enthält aber auch die unmissverständliche Formulierung, künftig auf den Einsatz fossiler Brennstoffe für die Energieerzeugung zu verzichten.

Text: Rainer Höll

Foto: © Karin Höll

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