Die Karniner Brücke und ihre Bewohner Die Karniner Brücke und ihre Bewohner

Versucht man, die Dinge zu benennen, die gedanklich mit der Insel Usedom in Verbindung stehen, dann zählen natürlich Strand und Meer, Natur und Erholung, Urlaub und Baden zu den ersten Eingebungen. Aber neben den naturgegebenen Usedomer Markenzeichen stehen auch mindestens zwei technisch-historische Monumente, die mit Deutschlands schönster Insel in Verbindung gebracht werden. Zuerst – verständlicherweise – Peenemünde, fast weltweit ein Name, bekannter als die Insel selbst. Daneben, regionaler gebunden, aber einst nicht weniger bedeutsam für die Entwicklung der Insel, die Eisenbahn-Hubbrücke Karnin. So lautet jedenfalls ihr technisch korrekter Name. Bleiben wir der Einfachheit halber bei der landläufigen Bezeichnung Karniner Brücke.

Karniner Eisenbahnbrücke auf der Insel UsedomDie Zahl der Aufsätze, Artikel und Broschüren, die vor allem seit der Wende 1990 über die Karniner Brücke veröffentlicht wurden, geht in die Hunderte. Die Darstellung der seinerzeit mutigen, ja im Sinne des Wortes „bahnbrechenden“ ingenieurstechnischen Meisterleistungen soll hier nicht wiederholt werden. Ihre einstige Bedeutung für die Entwicklung der Insel Usedom als „Badewanne Berlins“ ist ausführlich beschrieben worden und unbestritten. Es ist wohl nicht zu viel behauptet, dass Ende April 1945 für den Südteil Usedoms eine Epoche zu Ende ging. Bis zu diesem Tag hatten die Dörfer entlang des Haffs und die Stadt Usedom über ihre Bahnhöfe in Karnin, Usedom, Stolpe und Dargen mehrmals täglich schnelle Verbindung in die Kreisstadt Swinemünde, in die Hauptstadt Berlin, und damit „in die ganze Welt“.

Um zehntausenden Flüchtlingen den Weg über Swinemünde und die Ostsee offen zu halten, und den russischen Vormarsch zu verzögern, sprengte die Wehrmacht die Brücken der Inseln Usedom und Wollin zum pommerschen Festland. So wurden fast acht Wochen Zeit gewonnen, blieben doch beide Inseln bis zum 4. Mai zwar umschlossen von der Roten Armee, aber eben unbesetzt. Diese Wochen haben Tausenden die Flucht über die Ostsee ermöglicht und das Leben gerettet. Dies sollte man bedenken, wenn man heute allzu vorschnell von „sinnlosen“ Sprengungen spricht! Viel interessanter ist aus heutiger Sicht, dass das zentrale Hubteil der Brücke als Fragment der einstigen Anlage bis heute mitten im Strom zwischen der Insel und dem Festland steht. Mit 52 Metern Länge und einer Höhe von 35 Metern ist sie weithin sichtbar in der flachen Landschaft des Peenetals und des Usedomer Winkels. Dabei war ihr Schicksal schon besiegelt gewesen.

TurmfalkeIm Frühjahr 1990 war der Abriss der Karniner Brücke beschlossene Sache. Von Stralsund aus war schon ein Spezialschiff unterwegs, von dem aus die Arbeiten durchgeführt werden sollten. Das rief zwei Insulaner auf den Plan, die sich über mehrere Jahrzehnte für den Erhalt der Usedomer Natur eingesetzt hatten. Der Kreisnaturschutzbeauftragte für die Insel Usedom, Claus Schönert, und der Zirchower Pfarrer Otto Simon machten auf das drohende Schicksal der Brücke aufmerksam. Zusammen mit einer Gruppe naturbegeisterter Jugendlicher kletterten sie im Mai auf die Brücke. Dort oben fanden sie nicht nur die Nester der Dohlen, deren Brutvorkommen auf der Brücke war schon lange bekannt. Die große Überraschung waren die Nester der Turmfalken, von denen fast ein Dutzend gezählt wurden. Die Brutplätze beider Arten sind gesetzlich streng geschützt. Die Hinweis auf diese Nistplätze und der damit ausgelöste Druck der Öffentlichkeit stoppten die geplante Demontage der Karniner Brücke. Wertvolle Zeit wurde gewonnen. Letztendlich führten diese Aktivitäten zum zweifachen Schutz des Bauwerkes: als Brutplatz geschützter Vogelarten und als technisches Denkmal. 1992 fanden sich um den Brückenbauingenieur Hans Nadler Gleichgesinnte und gründeten den Verein Usedomer Eisenbahnfreunde e. V., der den Erhalt der Brücke als eines seiner Ziele formulierte.

Die Brücke ist heute für den Bereich der Insel Usedom der einzige Brutplatz der Dohlen, ausgenommen die Stadt Swinemünde. Dort oben nisten sie seit Jahrzehnten, wohl auch, weil sie 35 Meter über dem Strom relativ sicher vor ihren Feinden sind. Auch die Turmfalken haben die Brücke als „künstlichen Felsen“ schon seit langem als Brutplatz entdeckt. Die heutige Brutkolonie, mit alljährlich rund 15 Paaren, dürfte dagegen erst in den späten 1980ern entstanden sein. Eine solche Häufung von Brutpaaren ist in Deutschland bisher einmalig. Falken und Dohlen kommen gut miteinander aus, gehört doch keiner zum Beutespektrum des anderen. Allerdings konkurrieren sie um die Nistplätze. Die zahlreichen Schaltkästen auf der oberen Ebene, die Motorblöcke und die Abdeckungen der großen Umlaufrollen für die Ausgleichgewichte sind ideale Brutplätze. Geschützt vor Wind und Wetter, nach oben geschlossen, werden sie von den Falken ebenso gern genutzt, wie von den kleinen, schlauen Rabenvögeln. Seit einigen Jahren helfen engagierte Usedomer Naturschützer, indem sie für die Falken Nistkästen anbringen.

Stockenten-KükenNeben Falken und Dohlen dient die Brücke aber noch anderen Vogelarten als Heimstatt. Bachstelze und Hausrotschwanz brüten mit mehreren Paaren im weit verzweigten Gestänge des riesigen Bauwerkes. Als typische Halbhöhlenbrüter finden sie überall Nischen, in denen sie ihr kleines Nest bauen können. Auch Stockenten haben die aus dem Wasser ragenden Fundamente als Brutplatz für sich entdeckt. Die gerade geschlüpften Entenküken müssen dann allerdings ihr Leben gleich mit einem Sprung in die Tiefe beginnen, um ihrer Mutter aufs Wasser zu folgen. Außer den „Dauermietern“ gibt es noch eine Reihe Vogelarten, die die Karniner Brücke als Rastplatz oder Ausguck mit gutem Rundumblick nutzen. Vor allem die großen Wasservögel sitzen oft stundenlang auf den Handläufen und Metallverstrebungen. Kormorane trocknen dort ihr Gefieder, Graureiher putzen sich und ruhen sich aus. Vor allem sind es aber die Möwen, die auf der Brücke Station machen, von der großen Mantelmöwe, bis zur Fluss-Seeschwalbe. Sicher haben Silbermöwen auch schon versucht, auf der Brücke zu brüten, dauerhafte Ansiedlungen gab es bisher nicht. Auf eine Vogelart aber warten die Usedomer Ornithologen ganz besonders: den Wanderfalken! Der größte unserer heimischen Falken hat die Brücke schon mehrfach auf dem Durchzug besucht und „begutachtet“. Eigentlich wäre das Bauwerk ein idealer Platz für ihn – vielleicht ja schon in wenigen Jahren?

Die Zeiten des ungehinderten Betretens der Brücke sind vorbei. Als technisches Denkmal ist die Karniner Brücke heute aus Gründen der Verkehrssicherheit für die Öffentlichkeit gesperrt. Das ist gleichzeitig der beste Schutz für die Bewohner der Brücke! Die regelmäßigen Wartungen durch die Deutsche Bahn finden nach Abstimmung mit dem Naturschutz außerhalb der Brutzeit statt – nachdem die technischen und natürlichen Abläufe in diesem Jahr zunächst kollidierten.

KormoranDie Brücke ist bis heute in relativ gutem Zustand. Unter anderem auch darum, weil sie aus rostbeständigem Stahl angefertigt wurde. Aber nichts hat ewigen Bestand. Schäden an den Fundamenten wurden schon vor Jahren festgestellt, ebenso eine – zwar geringe – Neigung der Brücke zur Westseite. Eine Reaktivierung der Brücke, wie sie von Enthusiasten immer wieder gefordert wird, scheidet damit ohnehin schon aus. Der seit der Wende diskutierte Wiederaufbau der Strecke Ducherow-Swinemünde scheint heute ferner denn je. Zu unterschiedlich sind die Voraussetzungen, verglichen mit denen von 1875, als die Bahnlinie entstand. Die romantischen Vorstellungen kleiner (Dorf-) Bahnhöfe, die inzwischen alle verkauft wurden, sind heute überholt. Swinemünde heißt heute Świnoujście und ist über die Insel Wollin mit Stettin und Berlin per Eisenbahn verbunden. Der Schaden, den ein Wiederaufbau auf Usedom anrichten würde, wäre dagegen immens. Die ehemalige Bahntrasse verläuft durch die unzerschnittenen, wertvollen Landschaftsräume Süd-Usedoms. Die großen Wald- und Offenlandbereiche sind heute als Europäisches Vogelschutzgebiet ausgewiesen, mit Vorkommen zahlreicher bedrohter Vogelarten. Im Offenland haben sich entlang des Bahndammes die artenreichsten Heckenlandschaften unserer Insel etabliert. Der (Wieder-)Aufbau der Strecke würde keines der Usedomer Verkehrsprobleme lösen. Dazu bedarf es eines intelligenten und gut abgestimmten Personennahverkehrs, der die Leute auch ohne Auto überall hinbringt. Für die Natur und die Landschaft der Insel Usedom wäre das allemal die bessere Lösung, als eine Zerstörung von Naturräumen, die sich nun schon fast 70 Jahre weitgehend ungestört entwickeln konnten!

Text: Dirk Weichbrodt
Fotos © Korall CC BY 3.0/wikipedia.de (Dohle), Karin Höll (Brücke), W. Püchmann CC BY-SA 3.0/wikipedia.de (Turmfalke), Brocken Inaglory CC BY-SA 3.0/wikipedia.de (Stockenten), J.J. Harrison CC BY-SA 3.0/wikipedia.de (Kormoran)

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