Die Insel Görmitz im Usedomer Achterwasser

Die Insel Görmitz im Usedomer Achterwasser Die Insel Görmitz im Usedomer Achterwasser

Die Ostseeküste der Insel Usedom erstreckt sich von Swinemünde bis zum Peenemünder Haken über 42 Kilometer Länge. Die sanft geschwungenen Strände, mit ihren Dünen und bis zu 60 Meter hohen Steilufern, bezeichnet der Fachmann als Ausgleichsküste. Ein ganz anderes Bild bietet sich dem Betrachter an der Binnenküste der Insel. An Haff und Achterwasser, in der Krumminer Wieck und am Peenestrom, beträgt die Länge der Küstenlinie ein Vielfaches der Außenküste. Buchten, Halbinseln und Haken zeigen eine vielgestaltige Uferlinie mit überraschenden Landschaftsbildern. Schilfgürtel und Niedermoore, Binnendünen mit Trockenrasen, schon lange nicht mehr niedergebrochene Steilufer, auf denen alter Baumbestand stockt, zeigen ein Bild uralter, sich ständig wandelnder Landschaft. In der Weite des Haffs, der Buchten und Wiecke und im Peenestrom aber liegen auch Inseln, kleine und größere. Meist Grasland mit wenigen Büschen, selten bewaldet, oftmals nur ein Haufen Bülten, von Schilf und Seggen bewachsen. Einige haben Namen, die nur auf Seekarten genannt werden. Andere sind auch den Insulanern noch ein Begriff. Die bekanntesten sind wohl Böhmke und Werder im Achterwasser, Vogelinseln, Naturschutzgebiet, Heimstatt tausender Möwen und hunderter Seeschwalben seit Jahrzehnten. Auch der Große Wotig ist zumindest den Wolgastern, Kröslinern und Freestern bekannt. Die größte der Usedomer „Nebeninseln“ aber – als „Schwesterinsel“ würde man am ehesten Wollin bezeichnen – war seit Jahrzehnten aus dem öffentlichen Gedächtnis verschwunden: der Görmitz. Erst die turbulenten Entwicklungen der letzten Jahre haben die Insel wieder ins Tagesgeschehen zurückgeholt.

Im Achterwasser der Halbinsel Gnitz östlich vorgelagert, weit weg von den Seebädern der Inselmitte, sieht man die fast 100 Hektar große Insel am ehesten noch vom Lieper Winkel aus. Steht man an der Nordspitze der Halbinsel, an der Badestelle bei Warthe, ahnt man das flache Eiland mehr, als dass man es sieht. Auf der Südspitze des Görmitz, am Haubenhorn, ragen hohe Pappeln und Weiden empor. Sie scheinen auf dem Wasser zu stehen, erhebt sich doch die Insel Görmitz kaum mehr als zwei Meter über dem Wasserspiegel. Die alten Bäume sind der bevorzugte Ruheplatz der Seeadler, weitab allen touristischen Lärms, sozusagen mitten im Achterwasser.

Vorwerk auf der Insel GörmitzDie Insel hat eine bewegte Geschichte. Seit dem Mittelalter im Besitz der Neuendorfer Adelsfamilie von Lepel, bestand dort bis Anfang des 20. Jahrhunderts eine Holländerei, eine Milchviehwirtschaft, als Vorwerk des Neuendorfer Gutsbetriebes. 1937 kaufte dann ein Düsseldorfer Industrieller die Insel. Schon wenige Jahre später sorgten Krieg und Bodenreform für neue Einwohner: Flüchtlinge, Vertriebene, Neubauern bewohnten das einsame Inselgehöft. Die LPG-Gründung beendete die bäuerliche Bewirtschaftung des Hofes. Mitte der 1960er Jahre wurde ein Damm in den Twelen geschüttet, jenen Wasserarm, der die Insel vom Gnitz trennt. Überall in der rohstoffarmen Republik wurde nach Bodenschätzen gesucht, so auch auf dem Gnitz und dem Görmitz. Es wurde nach Öl gebohrt, und man wurde fündig. Mit der neu geschaffenen Verbindung waren Tür und Tor geöffnet: Aus dem alten Inselgehöft wurde eine Außenstelle des Seuchenforschungsinstitutes Riems, später dann ein Ferienheim des Greifswalder Nachrichtenelektronik-Werkes.

Die vom Menschen bebaute Fläche um das einstige Inselgehöft wurde ständig vergrößert. Das Gesicht des Görmitz wurde verändert. Den ehemaligen kargen Acker auf dem höher gelegenen Inselrücken machte man zu Grünland, das zunehmend intensiver genutzt wurde. Gleichzeitig stellte man die Beweidung der ungedeichten Ufersäume des Achterwassers als unrentabel ein. Große Uferbereiche verschilften binnen weniger Jahre. Der Damm, notwendig für die Erkundung und Erschließung des Ölvorkommens, hatte ungeahnte Folgen für den Görmitz und sein Ökosystem. Nicht nur, dass der Zugang zur Insel für jedermann erleichtert wurde und immer mehr Störungen für die Natur brachte. Raubwild konnte nun trockenen Fußes und während des ganzen Jahres hinüber, was verheerende Folgen für die Vogelwelt der Insel hatte. Die bis dahin freie Strömung des Wassers in der Twelen, dem Wasserarm, der die Insel vom Gnitz trennt, wurde unterbrochen. Dem nun stehenden Wasser fehlte der Sauerstoff, das Gewässer verschlammte zusehends. Eine Folge war ein Rückgang der Fischbestände in dem einst so wichtigen Laichgewässer.

Nach der Wende übernahm der Siemens-Konzern die Insel aus dem Eigentum des Greifswalder Betriebes, verkaufte sie aber schon 2006 wieder an eine Berliner Immobilienfirma. Diese entwarf völlig überdimensionierte Pläne für ein Ferienresort mit fast 600 Betten, Seebühne und Bootsanleger inklusive. Dies hätte Massentourismus auf dem kleinen Eiland bedeutet. Massive Eingriffe in die Natur des Görmitz wären die Folge gewesen.

StockentenInzwischen war der große ökologische Wert des kleinen Eilandes seitens des Naturschutzes erkannt worden. Im Januar 2001 wurde die Insel mit den umliegenden Flachwasserbereichen zum Naturschutzgebiet erklärt. Das Schutzgebiet hat 141 Hektar Fläche, fast 100 Hektar davon sind Inselfläche, ausgenommen die bereits bebauten Bereiche des ehemaligen Hofes. Der Schutz und die vorgestellten Projekte passten nicht zusammen. Die Gemeinde Lütow erkannte dies rechtzeitig und bewahrte den Görmitz vor diesen Risiken.

Die Insel Görmitz ist seit Jahren Rückzugsort für eine Tier- und Pflanzenwelt, die anderswo schon selten geworden oder verschwunden ist. Die Insellandschaft ist ungewöhnlich reich strukturiert. Lange, artenreiche Hecken aus Weißdorn, Schlehe und Holunder und Baumreihen umgeben das Grünland, eine Augenweide zur Blütezeit im Frühsommer. Das Besondere an der Insel aber sind die - im Gegensatz zu fast allen anderen Flächen auf Usedom – ungedeichten Überflutungsmoore entlang der Uferbereiche. Von Überflutungsflächen und Feuchtwiesen bis zu Magerrasen sind fast alle Graslandtypen des nordostdeutschen Tieflandes vertreten.

BekassineSeit dem Jahr 2011 wurde die bis dahin unzureichende Beweidung der Insel deutlich verbessert. Die verschilften Bereiche wurden zurückgedrängt, offenes Weideland grenzt nun wieder an das Achterwasser. In der Folge kehrten Vogelarten zurück, die einst auf dem Görmitz heimisch waren, in den letzten Jahrzehnten aber als Brutvögel verschwanden. Vor allem Wiesenbrüter wie Kiebitz und Bekassine sind im Grünland wieder heimisch. Die Schafstelze hat auf dem Görmitz die wohl höchste Brutdichte auf ganz Usedom. Feldlerche und Wiesenpieper, Sperbergrasmücke und Neuntöter, sind hier zu Hause. Es sind die einst typischen Arten der Feldflur, die in der intensiv genutzten Agrarlandschaft von heute immer seltener werden. In den Verlandungssäumen brüten Gründelenten, wie Krick- und Schnatterente, selbst die farbenprächtige Löffelente wird wieder häufiger beobachtet. Gleich vier Arten Rohrsänger bewohnen die Schilfgürtel und Krautfluren, dazu kommt alljährlich der prächtig flötende Karmingimpel. Der Fischotter lebt seit langem auf der Insel. Probleme bereitet der Vogelwelt allerdings das Raubwild, das in einem Vogelbrutgebiet eher unerwünscht ist: Marderhund und Mink, daneben auch Wildschweine. Letztere haben allerdings durch die Abnahme des Röhrichts immer weniger Rückzugsorte. Außerdem sind die ruhigen Zeiten für diese Nesträuber inzwischen vorbei: seit 2011 wird die Insel vom Verein Jordsand betreut, der den Schutz der Seevögel und die Erhaltung ihrer Lebensräume zum Ziel hat. Ein aktiver Jäger und Vogelkundler sorgt im Auftrag des Vereins dafür, dass das Raubwild kurz gehalten wird. Neben der Greifswalder Oie ist der Görmitz die zweite Insel an der vorpommerschen Küste in der Obhut des Vereins.

Das jüngste Naturschutzgebiet der Insel Usedom ist also auf einem guten Weg. Am wichtigsten ist zukünftig eine den Verhältnissen angepasste Nutzung und die Sanierung der maroden Bebauung. Auch die Zukunft des Dammes sollte den Zielen der Insel und ihrer Entwicklung entsprechen. Als Vogelschutzgebiet abseits der Strände und Seebäder könnte die Insel Görmitz zum Edelstein im Achterwasser werden!

Text: Dirk Weichbrodt
Fotos © Piotr Matyga/wikimedia.de/CC BY-SA 4.0 (o.), Chron-Paul/wikimedia.de/CC BY-SA 3.0 DE (2.v.o.), Brocken Inaglory/wikimedia.de/CC BY-SA 3.0 (3.v.o.), Alpsdake/wikimedia.de/CC BY-SA 3.0 (u.)

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