Kapitänsbilder im 19. Jahrhundert

Kapitänsbilder im 19. Jahrhundert Kapitänsbilder im 19. Jahrhundert

Schiffsbilder und Schiffsmodelle als repräsentative Schmuckstücke in Kirchen, Museen, Rathäusern, Sitzungssälen, Kontoren hanseatischer Kaufmannshäuser, auch in guten Stuben stolzer Schiffseigner, Kapitäne und Reeder halten die Erinnerung an längst verschollene oder abgewrackte Windjammer jahrzehntelang, oft gar jahrhundertelang wach. Sie erinnern an Heimathäfen, Reedereien, an mannigfaltige lokale, maritime Traditionen sie lassen Takelagen und alte Schiffsbauweisen sichtbar werden und dokumentieren glanzvolle Seepassagen ebenso wie bittere Schiffbrüche. Aus der Tiefe der See gehobene Schiffsglocken, Anker, Oktanten, Kanonenrohre, Planken, Reste geborgener Schiffsladungen vermitteln wertvolle nautische Informationen, die oft genug symbolische, kultische, mythische, auch religiöse Reflexbilder entstehen lassen: Bilder majestätischer Vollschiffe mit prallen Segeln und machtvoll zum Himmel strebenden Masten wechseln ab mit Ansichten trostloser Wracks gestrandeter Großsegler. Heroische Seestücke sowie Bilder unerbittlicher Schiffsuntergänge sind oft Chiffren menschlicher Metaphorik, die zu Gleichnissen, Glaubenshilfen, Lebensweisheiten, Sinnsprüchen und auch zu Sinnbildern für Tod und Untergang geraten.

Die sogenannten Kapitänsbilder im 19. Jahrhundert passen in diesen Kanon; allerdings ist dabei klarzustellen, dass „Kapitänsbilder“ nicht, jedenfalls nicht in erster Linie, Bildnisse von Kapitänen, sondern Darstellungen von Großsegelschiffen sind, die vorwiegend von ihren Kapitänen, gelegentlich auch von Reedern oder Schiffseignern in Auftrag gegeben wurden. Kunsthistorisch ist die Bezeichnung „Kapitänsbild“ für Bilder des genannten Genres irreführend, wenn nicht gar falsch, weil Gemälde im allgemeinen nicht nach Auftraggebern, sondern nach dem Bildinhalt gekennzeichnet werden; es wäre also hier richtiger, von Seestücken zu sprechen. Kapitänsbilder präsentieren sich als Erinnerungs- und Paradebilder, die Prestige, seemännische Führungskunst, auch Wohlhabenheit signalisieren.

Kapitänsbilder wurden zunächst vorwiegend von im Ruhestand lebenden Fahrensleuten zur See, im Laufe der Zeit dann aber immer häufiger von berufsmäßigen Marinemalern, den „dessinateurs des navires“ gefertigt. Das erklärt die nautische Genauigkeit, mit der die Maler die Schiffe und ihre Takelage darzustellen pflegten.

Den Kapitänsbildern ist eine Reihe typischer Merkmale eigen. Hiermit haben sich insbesondere für den Bereich der mecklenburg-vorpommerschen Küste zwei Autoren, der 1999 in Regensburg verstorbene Werner Timm (in seinem Buch: Kapitänsbilder, Rostock 1978) und Wolfgang Rudolph (in dem Buch: Maritime Kultur der südlichen Ostseeküste, Rostock 1983) befasst: Die dargestellten Segelschiffe werden auf Kapitänsbildern in aller Regel im Profil gezeigt, oft flankiert von einer kleineren Zweitansicht desselben Schiffes im linken oder rechten Bildhintergrund, nur auf einem anderen Kurs und bei entsprechend anderer Segelstellung. Ein solches Doppelschiffs-Porträt, dem gelegentlich noch ein Dreifachschiffs-Porträt zugesellt wurde, trägt zur Belebung des oft etwas temperamentlosen Parade-Schiffsprofils bei. Im meist dunstigen Horizontbereich der Bilder ließen die Marinemaler oft von ihnen bevorzugte Landmarken auftauchen, zum Beispiel die Kreidefelsen von Rügen oder der englischen Kanalküste, den Felsen Gibraltar, bekannte Leuchttürme, Schloss Kronborg in der Sundstraße, Helgoland, den Vesuv bei Neapel oder Venedigs Kampanile.

Vielfach haben sich die Schiffsmaler im Interesse eines farbigen Dekors die Ausschmückung der Windjammer mit Flaggen besonders angelegen sein lassen, was allerdings mitunter Fehlerquellen hinsichtlich der vorgeschriebenen Flaggenführung zur Folge hatte. Leider ist häufig die Signatur der Bilder unterblieben. Auch fehlen gelegentlich unterhalb der Bilder die Schriftbänder, auf denen üblicherweise Schiffs- und Kapitänsnamen vermerkt sind. Umso schwieriger ist es in diesen Fällen, den Maler zu ermitteln und/oder das Schiff zu identifizieren.
Jeder Maler hat bezüglich der Darstellung der Wolkenbildung, des Meeres und des Seegangs, der Bugwellen und der Gischtbahnen entlang der Schiffswandung eigene stilistische Pinselführungen und Eigenheiten entwickelt, die in der Regel auf vielen seiner Bilder wiederkehren. Damit wachsen die Chancen, die Maler unsignierter Bilder letztlich doch noch zu ermitteln.

Kapitänsbilder waren im 19. Jahrhundert im Küstengebiet Schwedisch-Pommerns weit verbreitet, zumal in den durch das damalige Provinzialrecht anerkannten vier vorpommerschen Seestädten Stralsund, Greifswald, Wolgast und Barth. Zahlreiche Kapitänsbilder finden sich noch heute in Museen und Schiffskompagnien ausgestellt. Aus Wolgast stammt übrigens einer der bedeutendsten Marinemaler jener Zeit: Friedrich Ludwig Wilhelm Stoll (1799-1878). Professor Willy Stöwer (1864-1931) ist ein weiterer aus Wolgast stammender Marinemaler, der seine Bilder vorwiegend der Kaiserlichen Kriegsflotte, darunter Seeschlachtenbilder, gewidmet hatte. Daneben schuf er nach dem Ersten Weltkrieg Schiffsporträts der Dampfschifffahrt, die er teilweise zu beeindruckenden Reklamebildern für den Ostseebäderverkehr ausgestaltete. Der große, ebenfalls in Wolgast gebürtige Maler der deutschen Romantik, Philipp Otto Runge (1777-1810), konnte sich für Seestücke nicht erwärmen, obwohl er als Reedersohn mit Schiffen vertraut und aufgewachsen war.

Kapitänsbilder im 19. JahrhundertIn Fachkreisen wird über den Ursprung der Schiffsporträts gestritten, Fragen, die sich letztlich schwerlich sicher beantworten lassen. Spuren führen sowohl nach Skandinavien als auch nach Italien. Am naheliegendsten erscheint es indes, den Blick nach den Niederlanden zu richten. Dort war im 17. Jahrhundert neben der Landschaftsmalerei durch niederländische Marinemaler eine völlig neue Kunstgattung entstanden: Die Seebilder bzw. Seestücke. Zu den Malern dieser neuen Bildkategorie gehörten u.a. der aus Emden stammende, aber seit 1650 in Amsterdam lebende Ludolf Backhuysen (1630-1708), die Leidener Malerfamilie van de Velde d.Ä. (1611-1689) und van de Velde d.J. (1633-1707) und der Genter Jan Porcellis (1584-1632).

Die Maler entwickelten eine maritime Bildersprache, die das damalige niederländische Bedürfnis nach nationaler, auch kommunaler Identifizierung mit dem Meer befriedigen half. Nationaler Stolz auf die Marine, nautische Überlegenheit, exakte Darstellung, seemännischer Schiffsausstattungen (z.B. Takelage) und Segelmanöver am Wind wurden durch dramatische Seestücke, Seeschlachtenbilder, üppigen Flaggenschmuck sowie in Gestalt von Abbildungen massenhafter Schiffsansammlungen in holländischen Häfen imponierend zur Schau gestellt. „Der Stil selbst wirkte als Metapher“ (vgl. dazu: Herren der Meere – Meister der Kunst, Ausstellungskatalog Museum Boijmans Van Beuningen, Rotterdam 1996/97 und Staatl. Museen zu Berlin, Gemäldegalerie im Bodemuseum 1997, Organisation Jeroen Giltaij/Jan Kelch). Daneben fand auch das undramatische Schiffsporträt „prosaischer Natur mit lokalem Kolorit“ Verbreitung. Die Verwandtschaft zu den späteren Kapitänsbildern in den Küstenbereichen der südlichen Ostsee ist unübersehbar!

Zu den abgebildeten Schiffen

Carl von Wolgast (oben)
Brigg „Carl von Wolgast“, Baujahr 1839, Unterscheidungssignal: JHDT, 104 Lasten. Reederei: Homeyer, Wolgast. Kapitän: J.C. Wüstenberg. Flaggentuch mit üppigem Dekor. Im Bildhintergrund (links): Kronborg in der Sundstraße als Landmarke. Unsigniert; Maler: Petrus Cornelius Weyts (1799 bis 1855). Merkmal: Rundförmige Malweise der Bugwelle und der Gischt entlang der Schiffswanderung. Standort: St. Petri-Kirche, Wolgast


Die Eiche (unten)
Brigg „Die Eiche“, Baujahr 1819, Unterscheidungssignal: JHMP (?), 95 Lasten. Reederei: H. Rassow, Wolgast. Kapitän: C.G.Woitge. Doppelschiffs-Porträt. Unsigniert; Maler: Carolus Ludovicus Weyts (1828 bis 1876). Merkmal: Rundförmige Malweise der Bugwelle und der Gischt entlang der Schiffswandung. Standort: St. Petri-Kirche, Wolgast.


Text und Fotos © Adrian Bueckling (†)

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