Beutekunst an der Heringsdorfer Promenade?

Beutekunst an der Heringsdorfer Promenade? Beutekunst an der Heringsdorfer Promenade?

Unser Autor Fritz Spalink ist immer auf der Jagd nach dem Besonderen in der facettenreichen Geschichte der Kaiserbäder Ahlbeck, Bansin und Heringsdorf. Bei einer „gewöhnlichen“ Skulptur an der Promenade wurde er wieder fündig und erhellt für unsere Leser deren außergewöhnlichen Hintergrund.

Seit dem 19. August 2011 kann man sich frei auf der 13 Kilometer langen Europapromenade von Swinemünde (Świnoujście) bis nach Bansin per pedes oder mit dem Fahrrad bewegen. Etwa auf der Mitte, an der Grenze zwischen Heringsdorf und Ahlbeck auf dem Grundstück des Hotels St. Hubertus, kann der Besucher ein besonderes Kunstobjekt entdecken: Das Muckenbüble. Der Künstler Wilhelm Rösch (1850-1893) aus Neckarrems schuf die Plastik „Knabe in Gefahr". Das Gipsmodell wurde 1883 hergestellt und befindet sich heute im Rathaus der Stadt Remseck am Neckar. Beschrieben wird die Plastik dort folgendermaßen: „Der Knabe in Gefahr zeigt uns einen kräftigen, eben dem Bade entstiegenen halbwüchsigen Burschen, der einer Bremse, welche seinem Schenkel einen unliebsamen Besuch abstattet, mit der zum Schlag erhobenen Hand den Garaus macht. Die Bewegung des Kopfes und des Körpers ist außerordentlich fein und lebenswahr gedacht und verleiht der Figur einen Reiz ungezwungener Natürlichkeit. Dabei sind die Körperformen mit dem großen Verständnis und mit wahrhaft meisterlicher Sicherheit dem spröden Marmor abgerungen."

Es sind drei Abgüsse bekannt und noch vorhanden. Ein Abguss - ursprünglich aus dem Park der Villa Berg - steht jetzt im Lapidarium Stuttgart. Ein zweiter auf dem Fußgängersteg in Neckarrems. Die Existenz der Heringsdorfer Fassung war lange unbekannt. Sie unterscheidet sich von den anderen dadurch, dass sich der Knabe in einer Rohrkolben-Schilf-Uferzone befindet. Ursprünglich soll sie 1883 auf der internationalen Kunstausstellung in München mit einer goldenen Medaille ausgezeichnet worden sein.

Danach verliert sich die Spur des Heringsdorfer Abgusses. Er soll jedoch nach neueren Ermittlungen und Informationen in München 1883 vom Ingenieur Gustav Knorr erworben, und dann 1905 in der Knorr-Bremsen-Fabrik Boxhagen/Rummelsburg bei Berlin aufgestellt worden sein. 1945 wurde Erich Mielke Leiter der Polizeiinspektion Berlin-Lichtenberg, zu seinem Bezirk gehörte auch das ehemalige Boxhagen/Rummelsburg. 1951 übernahm die DDR-Staatssicherheit, deren stellvertretender Chef Mielke seit 1950 war, in Heringsdorf das Haus „Heinrich Mankewitz“ die heutige Villa Oppenheim, als Ferien-Objekt. Er brachte das „Muckenbüble“ (als Beutekunst?) mit und ließ es im Park der Villa aufstellen. Er soll sich stets wieder an der Darstellung des „Knaben in Gefahr“ erfreut haben. Man könnte schlussfolgern, dass sich in dem späteren Stasi-Chef zumindest eine - wenn auch versteckte - weiche Saite („Ich liebe euch doch alle“) anschlagen ließ. Eine der Funktionärinnen des hiesigen FDGB, die zur Wende dann das Haus „Hubertus“ übernahm, sorgte für eine Umsetzung des gefährdeten Knaben auf das Hotelgrundstück.

Text: Fritz Spalink
Foto © Fritz Spalink

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