Sigmund Jähn in Peenemünde

Sigmund Jähn in Peenemünde
Sigmund Jähn in Peenemünde
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Die ehemalige Heeresversuchsanstalt Peenemünde gilt als die Wiege der Raumfahrt. Heute wird das nicht unkritische Erbe vom Historisch-Technischen Museum Peenemünde verwaltet und aufgearbeitet. Hier trafen sich kürzlich Raumfahrt-Interessierte zum 30. Tage der Raumfahrt, unter ihnen die Kosmonauten/Astronauten Sigmund Jähn und Paolo Nespoli.

Etwas abseits von den Zentren früheren Geschehens hat sich in Neubrandenburg ein sehr aktiver Kreis von Raumfahrtenthusiasten zusammengefunden. Dort entsteht nicht nur die informative Zeitschrift „Raumfahrt concret“, sondern es werden jährlich „Tage der Raumfahrt“ organisiert, mit aktiver Unterstützung durch den Förderkreis Luft- und Raumfahrt Mecklenburg-Vorpommern. Im Rahmen der diesjährigen 30. Tage der Raumfahrt besuchten im November 2014 gleich zwei ehemalige Raumfahrer den geschichtsträchtigen Ort auf Usedom. Der erste Deutsche im Weltall, Sigmund Jähn, wurde bei seinem zweiten Besuch in Peenemünde vom italienischen Astronauten Paolo Nespoli begleitet. Wie erwartet, war der Kinosaal des Historisch-Technischen Museums voll besetzt, die Autogrammstunde mit Sigmund Jähn ließ sogleich eine lange Schlange entstehen. Sein italienischer Kollege nahm das mit einer Mischung aus kollegialer Freude und Erstaunen zur Kenntnis.

Deutsche Beiträge zu Raketenentwicklung und bemannter Raumfahrt

Das war der Titel des Vortrags, den Sigmund Jähn an einem Ort hielt, der mit dem Thema eng verbunden ist. Der Beitrag des aus Rumänien stammenden deutschen Raketenpioniers Hermann Oberth (1894-1989) stand am Beginn des Vortrags. Er hat durch sein Buch „Die Rakete zu den Planetenräumen“ (1923) und die Arbeit im 1927 gegründeten Verein für Raumschifffahrt maßgeblich zur Verbreitung dieser Vision in Deutschland beigetragen. Sigmund Jähn traf 1982 und 1989 mit Hermann Oberth zusammen. Zwischen Ende der 1930er und Beginn der 1940er Jahre ging unter maßgeblicher Beteiligung Wernher von Brauns die „Etappe der Bastelei über in den Bau der ersten militärischen Rakete der Welt“. Das Interesse der Siegermächte konzentrierte sich nach dem Krieg ebenfalls zunächst auf militärische Raketen und war stark problembehaftet. So hatte die im Oktober 1947 nach deutschem Vorbild gebaute erste sowjetische Rakete bei 231 Kilometern Flugweite eine Zielabweichung von 180 Kilometern!

Für Sigmund Jähns eigenen Flug wurden durch das Interkosmosprogramm 1967 die Weichen gestellt, 1976 folgte der erste bemannte Flug innerhalb dieses Programms.
Es folgten einige Detailinformationen zu seiner Flugvorbereitung, wo er wohl erstmals kundtat, dass auch der damalige Kommandeur des Jagdfliegergeschwaders Karlshagen in die engere Auswahl gekommen war. Abschließend ging Sigmund Jähn auf die Auswirkungen des Raumfluges auf den Menschen ein, ein Thema, das eng mit der Perspektive der bemannten Raumfahrt verbunden ist.
Nicht ohne Pathos beendete er seinen Vortrag mit zwei Feststellungen. Der Anblick der Erde aus dem Weltraum habe bei ihm das Bewusstsein gestärkt, die Erde unbedingt erhalten zu müssen, und sie allen Visionen von einem Leben der Menschen auf anderen Planeten vorzuziehen. Angesprochen auf die künftige Rolle des kommerziellen Weltraumflugs antwortete er eindeutig: Nur eine Erdumkreisung vermittelt einen authentischen Eindruck vom Flug in den Weltraum.

Forum mit Sigmund Jähn und Paolo Nespoli

Beide antworteten auf Fragen des Moderators Dr. Philipp Aumann und aus dem Publikum. Paolo Nespoli habe sich mit dem Besuch Peenemündes einen Traum erfüllt. Beeindruckend sei vor allem die Ausstellung des Museums. Die Originalteile früherer Raketen zeigten eine verblüffende Ähnlichkeit mit heutiger Technik. Die Problematik Kooperation oder Konkurrenz in der internationalen Raumfahrt stand ebenso im Mittelpunkt des Interesses wie die Frage, wie lange ein Mensch sich im Raumschiff aufhalten kann. Paolo Nespoli rief zu unvoreingenommener Zusammenarbeit auf, die Komplexität anstehender Aufgaben könne nur mit Einigkeit gelöst werden. „Aus dem Weltraum sieht man keine Staatsgrenzen“, war sein Fazit.
Sigmund Jähn hielt einen zwei bis drei Jahre währenden Raumflug für möglich. So lange würde ein Flug zum Mars und zurück dauern. Paolo Nespoli ergänzte, dass noch gar nicht alle Probleme bekannt seien, die bei einem langen Flug auftreten könnten, wie beispielsweise die Auswirkung von Strahlung.

Einzigartige Komplexität

Die Veranstaltung hat einmal mehr gezeigt, wie vielschichtig das unter verschiedenen Aspekten heiß diskutierte „Thema Peenemünde“ ist. Die Spuren der Heeresversuchsanstalt sind vor Ort zu sehen und zu „begreifen“, sowohl buchstäblich als auch mit Hilfe der Ausstellung und der Denkmallandschaft. Die Konsequenzen dieser wenigen Jahre haben unauslöschliche Spuren in der Menschheitsgeschichte hinterlassen. Das Erbe Peenemündes entzieht sich einseitigen Betrachtungsversuchen jeglicher Art.

Text und Foto © Rainer Höll

Datum: 13.01.2015

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