Warum ich zum Winterbader wurde

Warum ich zum Winterbader wurde Warum ich zum Winterbader wurde

Auf der Insel Usedom ist die Badesaison im Herbst längst nicht beendet. In jedem der Usedomer Seebäder sind auch im Winterhalbjahr Badende und Schwimmer anzutreffen, die den kalten Temperaturen der Ostsee trotzen und sich zu Eisschollen ins Wasser trauen. Der positive Gesundheitseffekt, auf den Eisbader und Winterbader schwören, ist unbestritten. Bereits Gesundheitspfarrer Sebastian Kneipp schwor auf Bäder in den kalten Fluten. Lesen Sie im folgenden die Geschichte eines Eisbaders und wie er dazu wurde.

Seit früher Jugend waren es viele Dinge, die mich faszinierten, einige davon konnte ich mir auch für mich selbst vorstellen.

Eisbader waren für mich damals Menschen aus einer anderen Welt, unempfindlich gegen Kälte und Schmerz und natürlich nie krank, mit einer Lebenserwartung von mindestens knapp unter 100 Jahren. Die ursprüngliche innere Distanz schmolz allmählich, nur die Bedingungen standen dagegen. Ich wohnte nicht in der Nähe eines geeigneten Gewässers, ein Bad im Winter brachte deshalb viele nicht lösbare Umstände mit sich. Auch die Frage „Was sollen die Leute dazu sagen“, hielt mich von ernsthaften Versuchen ab. Bis ich dann in der ersten eigenen Wohnung auch über eine Badewanne verfügte. Eine hervorragende Einstiegsmöglichkeit – im doppelten Sinne. Jeden Morgen ließ ich so viel kaltes Wasser in die Wanne, bis ich meinen ganzen Körper darin eintauchen konnte, die Verweildauer erhöhte sich auf einige Minuten, ohne jedoch auszuufern. Eine deutliche Konsequenz wurde sichtbar: die Häufigkeit meiner Erkältungen nahm nach einigen Wochen drastisch ab und reduzierte sich auf ein bis zwei – pro Jahr!

Zeit ging ins Land, mein Wohnsitz verlagerte sich in unmittelbare Wassernähe. Den allerletzten Ausschlag gab das jährliche Eisbaden in Ahlbeck, was ich zweimal als Zuschauer miterlebte. Ein damaliger Hoteldirektor ging ohne zu Zögern ins eiskalte Wasser. „Alles nur Kopfsache,“ war sein lapidarer Kommentar. Jetzt oder nie!

Der erste Weg führte mich zu meinem Hausarzt, denn schließlich stand ich schon knapp vor dem halben hundert an Jahren. Was würde mein Herz dazu sagen? Ich meine jetzt den medizinischen Begriff, denn mit dem Herzen wollte ich schon dabei sein. „Das testen wir mal,“ so seine Worte. Das einfache EKG gab keinen unerwünschten Ausschlag, auch die Verbindung mit dem Fahrrad brachte bei allmählicher Belastungssteigerung außer ungeübten lahmen Beinmuskeln keine negativen Ergebnisse.

Ostsee-Eisbader inmitten von Eisschollen„Kann losgehen.“ Mit diesen Worten wurde ich in die Kälte geworfen. Die kalte Ostsee wurde zum „Gegner“. Angesichts fehlender Hindernisse und sehr günstiger äußerer Umstände kam Respekt auf. Nichts übereilen! Also fing ich bereits im Spätsommer an, jeden Morgen in die Ostsee zu gehen, bis mir das ständig kälter werdende Wasser buchstäblich zum Hals reichte. Und es klappte. Die Überwindung des Kältereizes war die Herausforderung des Tages. Allerdings hatte ich immer noch die Wahl. Denn die äußeren Bedingungen mussten stimmen. Regen und Sturm beeinträchtigten das Erlebnis, also blieb ich ohne schlechtes Gewissen zuhause. Das trug mir dann allerdings die vorwurfsvolle Bemerkung eines Mitstreiters ein. „Ich habe Sie lange nicht hier gesehen!“

Seit einigen Jahren nun hat sich der Rhythmus eingepegelt. Sommers wie winters gehe ich langsam und genussvoll nach dem morgendlichen Walken am Strand ins Wasser, gegenwärtig sogar bei Dunkelheit. Nur Urlauber sehen mich noch achtungsvoll oder kopfschüttelnd an, die Einheimischen, die ich regelmäßig treffe, fragen höchstens aus Höflichkeit, ob denn das Wasser auch schon kalt genug sei.

Und bei Eis? Ganz einfach, dann komme ich nicht ins Wasser. So übermütig, mir einen Zugang über verschachtelte Eisschollen ins Wasser zu verschaffen, bin ich nicht. Eine auch nur dünne Eisschicht auf dem Wasser hinterlässt erfahrungsgemäß blutige Spuren an der dünnen Haut der Schienbeine. Eis auf der Ostsee bedeutete in den vergangenen Jahren oft wochenlange Zwangspausen. Doch danach fieberte ich dem kühlen Bad wieder entgegen, ohne Fieber zu bekommen.

Was ist denn nun der Reiz an der Sache? Zunächst das Gefühl, die natürliche Abneigung des Körpers gegen Kälte überwinden zu können. Unvergleichlich ist das Gefühl, wenn beim Weg aus dem Wasser und beim Abtrocknen der „Schmerz“ nachlässt und einer Art Hochgefühl Platz macht. Die Ausschüttung von Glückshormonen fühle ich, ohne sie wohl jemals testen zu lassen. Aber das alles ist kein Selbstzweck, sondern hat Erkältungskrankheiten mit all ihren Belastungen für mich selbst und die Umgebung fast völlig aus meinem Leben verbannt. Auf andere Folgen wie eine höhere Lebenserwartung kann ich nur hoffen, bilde sie mir aber natürlich ein.

Immer wenn ich gefragt werde, ob ich nicht an einer der vielen öffentlichen Winterbadeveranstaltungen teilnehmen möchte, antworte ich: Ich möchte selbst entscheiden, wann und wie lange ich im kalten Wasser bleibe und mich danach ganz allein selbst wieder erwärmen – in der gewohnten Umgebung zuhause.

Text: Peter Reinhard
Fotos © nordlicht verlag (o.), Reinhard Grieger/pixelio.de (u.)

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