70 Jahre Kriegsbeginn: 1. September in Świnoujście

70 Jahre Zweiter Weltkrieg, Insel Usedom
Gedenken in Świnoujście: 70 Jahre nach Kriegsbeginn
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Die deutsch-polnische Insel Usedom ist eng mit den historischen Geschehnissen des Zweiten Weltkriegs verbunden. Zum 70. Jahrestag des Überfalls der deutschen Wehrmacht auf Polen, der den Zweiten Weltkrieg einläutete, fand im polnischen Świnoujście, dem ehemaligen deutschen Seebad Swinemünde, eine Gedenkfeier zu Ehren der Kriegstoten statt.

Über 500 Menschen haben sich auf dem einstigen Großen Markt in Świnoujście eingefunden, als pünktlich um 12 Uhr unter den Klängen der Nationalhymne die polnische Flagge am Fahnenmast flatternd empor gleitet. Eine Marinekapelle ist kurz zuvor unter fast heiteren Klängen auf den heutigen Plac Słowianski („Slawischer Platz“) marschiert, der auf drei Seiten von einem Ensemble aus ehemals deutschen Geschäftshäusern, Neubauten und einer Baulücke umrahmt wird, auf der Arbeiter emsig bemüht sind, diese rasch zu schließen.

Erinnerung an den 1. September 1939 in SwinemündeDie weißen Stiefelschoner der Militärmusiker unterstreichen die Leichtigkeit ihres Spiels und kontrastieren augenfällig zu den schwarzen Stiefeln der daneben mit automatischen Gewehren angetretenen Marineeinheit. Die militärische Szenerie wird überdies aufgelockert durch ein buntes Gemisch von Besuchern der Veranstaltung. Neben den festlich gekleideten Teilnehmern sind viele Schaulustige anwesend, auch viele deutsche Urlauber an diesem warmen Spätsommertag. Eine nicht enden wollende Reihe von Menschen bewegt sich auf das zentrale Denkmal zu und legt Blumen nieder, die polnischen Farben rot und weiß prägen die Szenerie. Geistliche, Veteranen, Abordnungen von Schulen und Vereinen und auffällig gekleidete junge Pfadfinder dokumentieren, dass das nationale Gedenken keine lästige Pflicht ist, sondern von der Gesellschaft getragen wird. Die Bauarbeiter hinter der Ehrenformation mauern unbeeindruckt weiter inmitten des allgemeinen Innehaltens: eine zunächst irritierende, aber auch beruhigende europäische Normalität in der aufstrebenden Hafenstadt.

Jeder sechste Pole überlebte den Zweiten Weltkrieg nicht, der mit dem deutschen Überfall am 1. September 1939 begann, ehe am 17. September gemäß des Hitler-Stalin-Paktes die Rote Armee den Osten Polens okkupierte und der polnische Staat für fast sechs Jahre von der europäischen Landkarte verschwand.

Stadtpräsident Janusz Żmurkiewicz würdigt in seiner Rede die Verteidiger der Westerplatte in Danzig, auf die die ersten deutschen Schüsse am frühen Morgen des 1. September 1939 zielten, erinnert an die vielen polnischen Opfer der folgenden Jahre. Er findet überdies weitere unerwartete Worte. Er erinnert daran, dass vor 70 Jahren rund um diesen Platz noch Deutsche lebten, die später bitter unter den Auswirkungen des Krieges leiden mussten und ihre Heimat verloren. Er hebt hervor, dass heute Polen und Deutsche friedlich als Nachbarn auf der Insel Usedom leben, während ihre Vorfahren aufeinander schossen.

Die Swinemünder Pfadfinder (vorne) und das Team der JBS Golm (hinten)Auch eine Gruppe von Lehrern, Studierenden und Universitätsdozenten aus beiden Ländern hört diese Worte. Aus der Jugendbegegnungs- und Bildungsstätte Golm in Kamminke sind sie zu dieser Mittagsstunde über die Grenze gekommen. Der Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge e.V. und die Bundeszentrale für politische Bildung haben ihr Seminar „Deutsch-polnische Beziehungen im Unterricht und in Schulprojekten – Das Bild des Nachbarn 70 Jahre nach Beginn des Zweiten Weltkrieges“ unterbrochen und ermöglichen hier wertvolle Einblicke in das Miteinander auf der Insel Usedom.

Rückblick: Am 12. März dieses Jahres gedachten auf der Kriegsgräberstätte Golm in Kamminke neben den vielen deutschen Gästen auch Stadtpräsident Żmurkiewicz, ein polnischer Pfarrer, polnische Veteranen, Pfadfinder und Schüler gemeinsam mit ihren deutschen Nachbarn der Tausenden deutschen Bombenopfer des amerikanischen Bombenangriffs vor 64 Jahren auf die damals noch deutsche Stadt an der Swine.

Ein wichtiger Brückenschlag ist damit gelungen. Vor wenigen Jahren erhoben sich beiderseits der Grenze noch laute Stimmen, die solches Mitwirken des Nachbarn beim „eigenen“ Gedenken als störend empfanden. Im Jahr 2009 können es die allermeisten Deutschen und Polen ertragen, den einstigen Feind dabei zu wissen - ja mehr noch: seinen Besuch als Gewinn im Geiste der Versöhnung empfinden. „Versöhnung schließt die Erinnerung an das vergangene Schwere mit ein, muss die Verantwortlichen benennen und verträgt keine Verdrängung, soll der Konflikt nicht unterschwellig weiter gären oder wieder aufbrechen“, analysierte der Theologe Friedrich Schorlemmer jüngst treffend. Es gilt, gemeinsam die Zukunft zu gestalten. Diese Erkenntnis wird auf der Insel Usedom mit Leben erfüllt: an Gedenktagen, bei Begegnungen junger Deutscher und Polen am Rande der Gräber auf dem Golm und im Bemühen Vieler beiderseits der Grenze, die bilinguale Gegenwart der Insel und die deutsch-polnische Nachbarschaft auch im Schulalltag beiderseits der Grenze zu verankern.

Text und Fotos © Dr. Nils Köhler, Leiter der Jugendbegegnungs- und Bildungsstätte Golm

Datum: 28.09.2009

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