Greifvögel auf Usedom

Greifvögel Insel Usedom Adler sind auf der Insel Usedom heimisch

Auf den Insel Usedom und Wollin waren von jeher Greifvögel heimisch. Ihr Bestand hat sich in den letzten Jahrhunderten leider stark dezimiert. Erst in den letzten Jahrzehnten hat sich auf Usedom und Wollin wieder ein größerer Bestand an Seeadlern, Habichten, Milanen und Eulen, auch der Uhu, angesiedelt.

Die Vogelwelt hat die Aufmerksamkeit und das Interesse des Menschen besonders frühzeitig und intensiv auf sich gezogen. Es liegt wohl daran, dass diese Tierklasse mit ihren Lebensäußerungen im Umfeld des Menschen am stärksten gegenwärtig ist. Oft sind es die Stimmen der kleinen Sänger, ihr buntes Federkleid und ihre anmutigen Bewegungen, die die Neugier des Beobachters wecken. Der Wandel der Jahreszeiten geht stets im Einklang mit der Wanderung der Vögel. So wie die Lerche vom Frühling kündet, zeigen Gänse- und Kranichzug den nahenden Herbst. Andere Arten stellen markante Erscheinungen dar, ihr Auftreten ist fest im Jahresrhythmus verankert, so z. B. Storch, Kuckuck und Schwalbe. Früher wurden viele Arten vermenschlicht, ihre Lebensweise bot den Stoff für Volkssagen und Brauchtum.

Seit Jahrhunderten aber ist das Verhältnis des Menschen zur Vogelwelt auch von der Sichtweise auf Nutzen und Schaden der jeweiligen Arten geprägt. Diese Einbindung in das menschliche Wertesystem ist durch den „Tiervater“ Brehm, einen der seinerzeit meist gelesenen Autoren, bis ins Detail verfeinert worden, und sie prägt das Naturverständnis vieler Menschen bis heute. So ist eben die Schwalbe „nützlich“, weil sie Insekten vertilgt, der Star natürlich ein übler Zeitgenosse, der sich unrechtmäßig am Obst unserer Gärten bereichert. Manche Diskussionen erreichen sogar die politische Bühne. Wenn es zum Beispiel um den „Fischräuber“ namens Kormoran geht, der sich an wildlebendem Fisch schadlos hält, dann ist das Urteil schnell gefällt: ein „Schädling“, der den alleinigen Nutzungsanspruch des Menschen an Naturgütern in Frage zu stellen wagt.

Uhu - Greifvögel auf UsedomEine Artengruppe aber hatte über Jahrhunderte besonders zu leiden unter der nach „Schaden“ und „Nutzen“ gegliederten Hierarchie menschlicher Unkenntnis: die Greifvögel. Der Vernichtungsfeldzug, der gegen diese Vogelfamilie seit Beginn der Neuzeit geführt wurde, sucht in der mitteleuropäischen Naturgeschichte seines gleichen. „Alles was krumme Schnäbel und Krallen hat“ - so lautet die griffige Formel - war der Ausrottung preisgegeben. Es wurde vergiftet, abgeknallt, totgeschlagen, in Habichtskörben gefangen und ausgehorstet, wessen man an Adlern, Falken, Habichten, Milanen und Sperbern habhaft wurde. Innerhalb weniger Jahrzehnte wurde Zehntausende dieser Vögel auf jede erdenkliche Art und Weise vernichtet. Der Name „Raubvogel“ machte unzweifelhaft die juristische Dimension deutlich, nach welcher diese Vertreter unserer Vogelwelt zu behandeln wären! Die unsinnige Verurteilung erstreckte sich auch auf die Greifvögel der Nacht, die Eulen und Käuze. Noch im klassischen Griechenland und bei unseren germanischen Vorfahren als Träger und Verkünder der Weisheit hoch geehrt, wurden sie nun in religiösem Hass als „Totenvögel“ lebendig an die Tore genagelt.

Noch im Mittelalter standen die meisten dieser Arten unter dem strengen Schutz der Landesherren. Nicht umsonst führten viele dieser Adligen Falken oder Adler im Wappen, standen diese Greife doch für edle Erscheinung und Kühnheit. Die Beizjagd, also die Jagd mit abgerichteten Greifvögeln auf Niederwild, wie Hase, Rebhuhn oder Reiher, stand hoch im Kurs des gesellschaftlichen Ansehens. In den arabischen Ländern ist sie es übrigens heute noch.

Schleiereulen - Greifvögel auf UsedomErst das langsam entstehende ökonomische Wertverständnis machte die edlen Tiere zu Räubern, die sich unrechtmäßig fremdes Eigentum aneignen. Die flächendeckende Verfolgung forderte Opfer in heute unvorstellbarem Ausmaß. Einige Arten wurden völlig ausgerottet, andere verschwanden aus ganzen Landstrichen bis heute. So wurden im damaligen Preußen in einem Jahr über 10.000 „Raubvögel aller Art“, darunter 400 Adler abgeschossen.

Doch immer mehr Naturinteressierte wurden auf die Verarmung unserer heimischen Tierwelt aufmerksam. Natürlich fiel zuerst das Verschwinden der großen Arten auf, der Adler, Milane und Uhus. Gesellschaftlich begann sich der Wind zu drehen. 1899 wurde der Deutsche Bund für Vogelschutz gegründet, die aufkommende Naturschutzbewegung wurde getragen von den Vogelschützern. Mit dem Vogelschutzgesetz von 1908, das zuerst in Preußen wirksam wurde, wurde zum ersten Mal ein anderes Bild von den „Raubvögeln“ gezeichnet, als es bis dato üblich gewesen war. Erstmals gab es Schonzeiten für die bis dahin Verfolgten, selten gewordene Arten wie die Adler wurden ganz von der Liste der jagdbaren Arten gestrichen.

Inzwischen sprach man öffentlich von Adlern und Falken als „Naturdenkmälern“, die es zu schützen galt. Es sollte aber Jahrzehnte dauern, bis sich diese Sichtweise in den deutschen Kleinstaaten und im übrigen Mitteleuropa durchsetzen konnte. Die Ökologie als Wissenschaft von den Zusammenhängen der natürlichen Lebensgemeinschaften stand noch ganz am Anfang und es fiel schwer, sich vom alten Nutzen-Schaden-Schema zu lösen.

Doch wie sieht es mit den gefiederten Jägern bei uns aus? Auf den Inseln Usedom und Wollin wurden bis heute 23 Arten der Taggreifvögel - also ohne Eulen und Käuze - beobachtet. Brütend nachgewiesen wurden 12 Arten. Einige besuchen unsere Inseln alljährlich als Wintergäste, andere sind nur sehr selten auf dem Durchzug zu sehen, manche sogar nur als Irrgäste, wie der imposante Gänsegeier, der 1999 zum ersten Mal auf dem Gnitz und seitdem weitere 3 Male auf Usedom gesehen wurde.

Seeadler - Greifvögel auf UsedomDas Aushängeschild der pommerschen Ostseeküste ist zweifellos der Seeadler. Mit seinen mächtigen Schwingen von 2,5 Metern Spannweite ist er allgegenwärtig an Haff, Achterwasser und Peenestrom. 15 Paare haben auf Usedom ihr Revier, mindesten 6 auf Wollin. Die Odermündung und das Haff waren in den Zeiten stärkster Verfolgung sein letzter Zufluchtsort in Pommern. Bis auf etwa 10 Paare im Gebiet des heutigen Mecklenburg-Vorpommern war sein Bestand um 1930 zusammengeschossen worden. Auf Usedom stagnierte die Zahl bis zum Verbot des Insektizids DDT Mitte der 1980er Jahre bei 4-5 Paaren. Dann begann eine Erfolgsgeschichte des Adlerschutzes, die bis heute anhält.

Der Steinadler wurde auf Usedom erst zwei Mal beobachtet, zuletzt 1987. Schon im 19. Jahrhundert war er als Brutvogel in den weiten Forsten Norddeutschlands ausgerottet. Er überlebte im Hochgebirge der Alpen, in Skandinavien und den Wäldern des Baltikums. Einzelne Adler streifen weit umher und überqueren dabei auch das Gebiet der Odermündung.

Sein kleiner Verwandter, der Schreiadler - wegen seines einstigen Verbreitungsgebietes auch als Pommernadler bezeichnet - besucht uns zwar in jedem Jahr, aber nur auf dem Durchzug. Er brütet in feuchten Wäldern mit Waldwiesen. Diese Lebensräume wurden fast überall trockengelegt, einen sicheren Brutnachweis gibt es bisher nicht. Noch seltener verirrt sich der Schelladler zu uns, ein Brutvogel in Osteuropa.

Bis zum Anfang des letzten Jahrhunderts war auch der kleinere, braun-weiß gezeichnete Fischadler auf Usedom und Wollin zu Hause. Robien und Hübner berichten von Horsten bei Pudagla, Kamminke und Warnow/ Wollin. Die stetige Verfolgung führte in den 1920er Jahren zum Zusammenbruch seines Bestandes. In Vorpommern ist er bis heute fast nur auf dem Zuge zu sehen.

Eine absolute Rarität ist der südeuropäische Schlangenadler, einst Brutvogel in Schlesien und Brandenburg. Erst einmal wurde er auf Usedom beobachtet, im Jahre 1901 bei Friedrichsthal/ Wydrzany.

Die grazilen Weihen mit ihren schmalen Schwingen haben als Bodenbrüter in den letzten Jahrzehnten stark unter der Entwässerung von Mooren und der intensiven Landwirtschaft gelitten. Drei Arten brüten auf Usedom und Wollin. Am ehesten kann man ab April die braune Rohrweihe auf Beutesuche sehen, wenn sie suchend über die Feldflur und die Ufer streicht. Wesentlich seltener sind die graubraune Wiesenweihe und die hellgraue Kornweihe, die in Wiesen und Getreidefeldern ihr Nest bauen. Sie zählen seit Jahren zu den seltensten Greifvögeln Deutschlands. Erst seit der Wende sind sie wieder als seltene Brutvögel auf Usedom zurück.

Roter Milan - Greifvögel auf UsedomAm eindrucksvollsten aber sind neben dem Seeadler die beiden Milane mit ihrem auffälligen Flugbild. Usedom und Wollin bieten mit ihren Gewässern und der abwechslungsreichen Landschaft den idealen Lebensraum für beide Arten. Der Rote Milan ist an den langen gewinkelten Schwingen und dem tief gegabelten Stoß zu erkennen, der Schwarze Milan ist kleiner und stärker an die Nähe des Wassers gebunden. Gerade letzterer hat bei uns einen Schwerpunkt seiner Verbreitung in Mitteleuropa. Beide Arten jagen oft anderen Greifvögeln die Beute ab.

Die Jagdweise von Habicht und Sperber ist wohl am ehesten mit dem Wort „tollkühn“ zu beschreiben. In rasantem Flug greifen sie ihre Beute im Fluge, mit waghalsigen Manövern weichen sie Hindernissen aus. Beide Arten sind freilich bei Hühnerhaltern und dem Taubenzüchtern gleichermaßen unbeliebt, unterscheiden sie doch nicht zwischen Haus- und Wildtieren. Noch in jedem Jahr verenden viele von ihnen auch auf Usedom in Fallen und Fangkörben, unbedacht, dass es sich im Winter meist um Gäste aus dem Norden und Osten Europas handelt. Der Lebendfang im Korb sollte genügen, das Tier vergisst die Nähe zu seinem Todfeind mit Sicherheit nie wieder!

Junge Turmfalken - Greifvögel auf UsedomDie Falken sind gleich mit 6 Arten bei uns vertreten. Der zierliche Turmfalke brütet nicht selten in der Feldflur, auf der Karniner Brücke ist sogar die einzige Falkenkolonie Nordostdeutschlands bekannt. Ein rundes Dutzend Paare brüten dort, bis zu 50 Junge werden im Jahr flügge. Selten ist dagegen der Baumfalke, mit bis zu 300 km/h im Sturzflug wohl der schnellste Vogeljäger unserer Landschaft. Sein größerer Vetter, der Wanderfalke war fast 40 Jahre lang nur noch als Wintergast und Zugvogel bei uns. Insektizide in Land- und Forstwirtschaft hatten lange den Bruterfolg dieses beeindruckenden Greifvogels verhindert. Erst 2005 brütete wieder ein Paar bei uns. Der südeuropäische Rotfußfalke kommt selten im Spätsommer als Durchzügler nach Norden, während der kleine Merlinfalke nur im Winter, aus Skandinavien kommend, die Ostsee überquert. Erst einmal wurde der nordische Gerfalke bei uns gesehen, 1906 auf Wollin.

Kaum jemand kennt den unscheinbaren Wespenbussard, der in an Waldrändern und -wegen „zu Fuß“ nach Insektekten sucht. Er zählt zu den seltenen Brutvögeln der Inseln.

Der bekannteste und häufigste von allen aber ist wohl der Mäusebussard, überall in Wald und Flur anzutreffen. Sein lauter Ruf kündet zur Balzzeit im März vom Ende des Winters. Von Oktober bis März erhält er Gesellschaft durch die nordischen Rauhfußbussarde, die den Winter bei uns verbringen.

Greifvögel in freier Natur zu beobachten, zählt zu den eindrucksvollsten Bildern, die unsere Natur bereithält. Man muss sie nicht als „kühn“ oder „edel“ vermenschlichen, um ihre Bedeutung für das natürliche Gefüge zu beschreiben. Sie sind aber Ausdruck für den Zustand der Landschaft, für die natürliche Vielfalt und für das Verhältnis des Menschen zur Natur.

Text: Dirk Weichbrodt

Fotos © Dieter Haugk (Uhu, Seeadler, Rotmilan), Karin Jähne (Turmfalken), Miroslaw (Schleiereulen), Sven Hesselbach (Adler), alle PIXELIO

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