Essen und Trinken Usedom 19. Jh. bis 2. Weltkrieg
„Gäste kommen, baden, essen, trinken und gehen wieder!“
Der Fremdenverkehr, offiziell begonnen 1824 in Swinemünde, führte im Ergebnis der Reichsgründung 1871 zur Überwindung der provinziellen Enge Pommerns. Das verdankten die vormaligen Fischerdörfer an den Usedom-Wolliner Küsten dem Adel und gehobenem Bürgertum mit ihrem intellektuellen Gefolge. Diese nun in Deutschland herrschende Klasse erhob den sommerlichen Aufenthalt an der See zum Statussymbol einer kleinen Oberschicht, in der Profit, Macht und die Etikette der wilhelminischen Epoche das Leben bestimmten. Die einheimische Bevölkerung stand dem zwar skeptisch gegenüber, erkannte aber sehr wohl die profitablen Potenziale des Badewesens zur Verbesserung ihrer eigenen sozialen Situation.
Als erstes Restaurant für Besucher öffnete 1824 das Gesellschaftshaus in Swinemünde seine Pforten, 1860 bot die Pension des Kaufmanns Lejeune in Misdroy bereits Beherbergung und Speisen für die europäischen Monarchenfamilien an und 1870 stellte das Swinemünder „König-Wilhelm-Bad“ alles andere in den Schatten. Es vereinte erstmalig im deutschen Seebadewesen Gastronomie, Wohnen, Zerstreuung und Kurbäder in einem Gebäude. Zu den frühen Gasthäusern in Ahlbeck und Heringsdorf zählten „Wendickes Hotel“ (1875) und Pahl`s Hotel (1859). Damit waren die Voraussetzungen geschaffen für den Aufbau der Seebäder Swinemünde-Bad, Ahlbeck, Heringsdorf, Bansin, Koserow Zinnowitz.
Großhändler namens Wilhelm Treptow, Christian Radmann und Alfred Junker sorgten für die Anlieferung qualitativ hochwertiger Getränke und errichteten ihre eigenen Weinhäuser. Der Swinemünder Conditor Camplaier spezialisierte sich auf alle gewünschten Kuchen-, Kaffee- und Schokoladensorten. Steigende Backwarennachfrage ließen das Bäckerhandwerk zum gewinnbringenden Geschäftszweig werden. In Heringsdorf galten das Kurhaus „Kaiserhof“ sowie die Restaurants auf der „Kaiser-Wilhelm-Seebrücke“ (1893) als Inbegriff von Luxus, genau wie der Zinnowitzer „Preußenhof“ oder das Hotel „Meeresstrand“ in Bansin. „Die Preise sind ganz fürstlich, die Speisekarte wie ein mit Boullion, Lachsforellen, Kalbsrücken, Rehschnitte, Rippenbraten und Hummer dick beschriebenes Buch… die Kellner schwänzeln herum als wahre Halsabschneider!“, beklagte 1911 ein Badegast. Andere Besucher bestaunten 150 Weinsorten, 20 Sorten Brot und 15 Eiskreationen. Manche kritisierten, Limonade trinkend, den übermäßigen Genuss von Champagner, Cognag und Bier.
Die Fischer, nun selbst Vermieter und Händler, konnten ihren Fang am Strand und anderswo gegen gutes Geld verkaufen. Restaurants lockten Gäste mit „Ahlbecker“ Flundern, Zitronensaftfischsuppe und Heringsroulade. „Die vom Dorf“ aßen wie immer Hering mit Pellkartoffeln, Kliebensuppe, Wrukeneintopf oder Fischkartoffeln und trafen sich beim Klönen in den angestammten Wirtschaften bei Swinemünder Bier. Ganz Neugierige rauchten statt der Pfeife ihre erste neumodische Zigarette. Der Kaufmann um die Ecke machte Werbung für Dr. Oetkers Backpulver, Loitzer Kartoffelstärke, Greifenberger Butter, Anklamer Zucker, Pyritzer Weizenmehl, Rügenwalder Wurst, Stolper Camembert, Gewürzmischungen aus den Kolonien, Kornbrand aus Richtenberg und Danziger Goldwasser.
Ein bis dahin nie gekannter industrielle Aufschwung erfasste nach Fertigstellung der Eisenbahnlinien alle Küstengebiete. Landmaschinen und Düngemittel steigerten die Erträge von Kartoffeln, Getreide und der gerade eingeführten Zuckerrübe. Auf den vorpommerschen Gütern produzierten gewaltige Viehbestände tonnenweise Fleisch und Milch für die Lebensmittelfabriken der Großstädte. Selbst in den Seebädern I. Ranges verbuchten Molkereien, Milchkuranstalten und Fleischereien Rekordumsätze. In der Stabilisierungsphase der Weimarer Republik hatte sich das Publikum zugunsten des städtischen Mittelstandes gewandelt. Kostengünstige gutbürgerliche Gerichte pries, den Gästewünschen entsprechend, 1929 das Ahlbecker „Strandcasino“ an:
Mittagskarte: Eisbein mit Sauerkraut und Erbsenpüree, geräuchertes und in Salzlake gepökeltes Schweinefleisch, Beafsteak, Falscher Hase, Wiener Schnitzel, Königsberger Klops, Gemüse: Feinste Butterbohnen, Grünkohl, Blumenkohl, Rübchen; Salzkartoffeln; Abendkarte: Brotsorten aller Art, Kochschinken, verschiedene Wurstsortimente (Rügenwalder etc.), Würstchen, Käsevariationen, Eierspeisen auf Wunsch
Im Rahmen der Kriegsvorbereitung des nationalsozialistischen Deutschlands beschränkte sich in den späten 1930er Jahre die „Volksernährung“ zunehmend auf das Notwendigste. Es begann mit dem verordneten „Eintopfsonntag“ und sollte mit Lebensmittelbezugscheinen enden.
Text: Dietrich Gildenhaar
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